Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Die jüdische Speisetafel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 ordnung vorschreibt, selbst für die Dürftigen, Lei der Tafel nicht anders als angelehnt zu liegen, zum Zeichen der Freiheit und Würde. Der Nachdruck, der hierbei auf die Vorschrift gelegt wird, daß selbst der Aermste so tue, führt uns auf den Ursprung zurück, der seine Parallele in der Sitte der Römer findet. Aber bei den Römern pflegten nur die Vornehmen in der Gesellschüft angelehnt bei der Tafel zu speisen, während die abhängigen Leute nur an Festtagen, das gewöhnliche Volk jedoch ohne viele Umstände jederzeit in sitzender Stellung seine Nahrung zu sich nahm. Dieses Anlehnen beim Genüsse des Mahles an der altjüdischen Tafel war so selbstverständlich, daß man sogar hiervon einen technischen Ausdruck in der talmudischen Sprechweise bildete, indem man für ״an der Tafel speisen", sagte ״bei der Tafel anlehnen". In der Tat hat man in späterer Zeit in Erwägung gezogen, ob das Anlehnen, da es als eine verpflichtende Sitte nicht mehr anzusehen ist, noch zu beachten sei. Die dritte Reminiszenz an die altjüdische Speisetafel tritt, nachdem sie inzwischen, religiösen Charakter angenommen, am Ausgang eines jeden Sabbattages ein. Da wird die Habdala gesprochen, d.h. der Abschiedsgruß an den Sabbat gerichtet, und hierbei werden die Benediktionen über Licht und Gewürz gesprochen, womit es folgende Bewandtnis hat. An der altjüdischen Speisetafel bestand der Brauch, daß man nach vollendetem Mahle ein Kohlenbecken brachte, woraus Gewürzspezereien gelegt und zum Räuchern gebracht wurden. Am Sabbattage, nachdem man das dritte Mahl (s. weiter unten) gegen Abend eingenommen hatte, wurde mit der einbrechenden Nacht das bis dahin entbehrte Licht angezündet und dann das Räucherwerk hineingebracht, nachdem die entsprechenden Benediktionen hierüber gesprochen waren. Die Reminiszenz hieran ist in dem noch heute bestehenden Brauche von ״Licht und Gewürzbüchse" zu erkennen; aber im Laufe der Zeit ist hierfür eine andere Begründung aufgestellt worden. Die Weihe des geheiligten Sabbattages verbreitet einen Segen, der nicht allein in dem