Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Die jüdische Speisetafel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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202 welcher der Tafel präsidiert, sich die Hände wäscht, ohne hierbei den Segensspruch auszusprechen, der sonst bei solchen Waschungen von religionsgesetzlicher Seite festgesetzt ist. Er nimmt dann von den auf der Tafel vorbereiteten Kräutern und teilt hiervon auch allen Tischgenossen mit, welche die Kräuter in Essig oder Salzwasser tauchen, um sie so nach gesprochener Benediktion zu genießen. Noch einmal, und zwar nachdem das ungesäuerte Brod (מצה) genossen, wird ein anderes Kraut genommen, ein Bitterkraut, zur Erinnerung an die bitteren Leiden in der ägyptischen Sklaverei, das ebenfalls in eine aus verschiedenen Jngredenzien hergestellte süße Mischung getaucht wird, um den herben Geschmack des Bitterkrauts.zu mildern. Dieses zweimalige Eintauchen, welches Tibbul genannt wird, soll die aufmerksamen Kinder zur Frage, warum es so geschieht, veranlassen, um dann dem Vater Gelegenheit zu geben, den geschichtlichen Ursprung des Festes zu erzählen und religiöse Belehrung daran zu knüpfen. Die Art und Weise dieser Fragestellung aber gibt uns selbst interessanten Aufschluß über das Festhalten dieser Reminiszenz an die alte jüdische Speisetafel. In Palästina nämlich wurde an jedem Tage das Mahl mit dem Genüsse von scharfen Kräutern eröffnet, um den Appetit mehr änzuregen. Da man nun Kräuter — sei es aus religionsgesetzlichen, sei es aus hygienischen Gründen — nicht mit ungewaschenen Händen berühren sollte, so wusch der Hausherr, der die Verteilung vornahm, seine Hände, ohne Segensspruch, was auch in der Folge bis zur Gegenwart beibehalten ist. Aber die Frage lautete damals, wenn wir die Quellenschriften einsehen, ״An jedem anderen Abend bringen wir nur einmal die Kräuter zum Eintauchen, an diesem Festabend zweimal?" In Babylon dagegen und auch anderswo bestand der Brauch nicht, jedes Mal mit dem ״Eintauchen" zu eröffnen, daher änderte sich die Fragestellung, indem sie formuliert wurde: An jedem Abend tauchen wir nicht einmal ein, heute aber zweimal, wie bei uns noch üblich. Eine zweite Reminiszenz an die frühere Sitte bewahren wir an diesem Festabend darin, daß die Tafel-