Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Talmud als Bildungsmittel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 173 Geist, eine r unwahre und rabulistische Art der Dialektik. Diese Auffassung ist irrig, die Sprache des Talmud ist die Sprache der genauen und sorgfältigen Überlegung, und wir finden eine dieser ״talmudischen" ähnliche Ausdrucksweise gerade unter den scharfen Denkern aller Nationen wieder. Und für den Talmudkundigen ist es nicht selten ein eigenartiger Genuß, wenn er die Werke solcher Männer studiert und nun sieht, wie die ganze Art ihrer Auffassung und Darstellung in hohem Grade der des Talmud sich nähert. Ein Beispiel statt vieler! In ץ Eduard von Hartmanns ״Sozialen Kernfragen" wird folgendes ausgeführt: ״Die Behauptung, daß der Arbeiter, auch wenn er mit einem ihm nicht gehörenden Kapital produziert, doch den vollen Arbeitsertrag beanspruchen könne, steht im Widerspruch mit sich selbst. Denn der Arbeiter, der mit eigenem Kapital arbeitet, müßte dann doch erst recht den vollen Arbeitsertrag beanspruchen können, also auch die rechtliche Verfügung über seine Arbeitsprodukte, gleichviel welcher Art sie seien, also auch über die von ihm produzierten Produktionsmittel Das soll aber nach dem Gesichts- Punkt des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag nicht der Fall sein, vielmehr sollen die Produktionsmittel, die ein Arbeiter produziert hat, seiner rechtlichen Verfügung entzogen werden ..." Die ganze Anlage und Durchführung dieses Gedankengangs ist völlig in talmudischer Art gehalten, und einen Jünger der Gemara, wird der ״Kalwochoiner", der Schluß a minore ad maius, der den Kern von Hartmanns Beweisführung bildet, sehr vertraut anmuten. Der Talmud selbst weiß gar Wohl, wie bildend gerade das Studium seines juristischen Teils ist, und gibt deshalb den Rat: ״Wer klug werden will, soll mit dem Zivilrecht sich beschäftigen." Wo aber dem Kopf so viel geboten wird, geht auch das Herz nicht leer aus. Und es ist gut, daß der Talmud auch ihm etwas bietet. Denn wenn die Wißenschaft zu ausschließlich die Gedanken einnimmt, dann