Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Talmud als Bildungsmittel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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172 — Änderung im Wirtschaftsleben als ihre Reaktion"eine neue Verordnung hervor, unaufhörlich sprudelt der Quell der Gesetzgebung, und wenn ein Gesetz, wie etwa unsere Wechselordnung, 60 Jahre alt wird, so ist das schon ein ehrwürdiges Alter. Nur die wenigsten Bestimmungen haben Aussicht, so lange zu leben, sie werden schon lange vorher ersetzt oder abgeändert. Ganz anders waren die Verhältnisse in taliniidischer Zeit. Hier herrschte eigentlich nur ein einziges Gesetz, die Bibel, und es war recht eigentlich die Aufgabe des Talmud, der mündlichen Lehre, immer von Neuem die Anwendung der biblischen Vorschriften auf das Leben der Zeit zu ermöglichen. In weit höherem Grade als heute war also der Richter der talmudischen Zeit nicht nur Diener, sondern auch Schöpfer des Rechts. Bei dieser Weiterbildung des Gesetzes haben dann die Lehrer in hohem Grade auf das Leben Rücksicht genommen und von seinen praktischen Bedürfnissen sich leiten lassen. So sind viele Bestimmungen getroffen Worden mipne darkhe scholaum, um dadurch den Frieden zu erhalten; strenge Schuldgesetze sind geschaffen worden, ״damit der Schuldner nicht die Türe des Gläubigers verschlossen finde", denn der Kapitalist wird keinen Kredit geben, wenn zu nachsichtige Schuldgesetze ihm die Möglichfeit nehmen, energisch gegen den Schuldner vorzngehen. Ganz allgemein sind in frühtalmudischer Zeit die Frauen günstiger gestellt worden Der Ehemann wurde verpflichtet, seiner Gattin bei der Eheschließung eine Summe sicher zu stellen für den Fall, daß sie Witwe würde oder daß die Ehe durch Scheidung gelöst werde. Deutlich herrscht dabei die Absicht, die rechtliche und materielle Lage der Frau nach Möglichkeit zu verbessern. Seiner Aufgabe, Gesetz und Leben zu versöhnen, widmet der Talmud sich mit großem Scharfsinn. Gerade diese juristischen Partien geben ihm Gelegenheit, die ganze Kraft seines Denkens zu entfalten. Die Kunde davon ist ja auch in weitere Kreise gedrungen, die niemals einen Band des Talmud in der Hand gehabt haben, und gerade bei ihnen hat sich die verkehrte Auffassung gebildet, als gäbe es einen besonderen ״talmudischen"