Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Talmud als Bildungsmittel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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165 ־— Dadurch öffnet sie aber auch dem Schüler das Bewußtsein für eine wichtige Tatsache im Bereiche des menschlichen Geisteslebens, sie weckt den Sinn für das Leben der Gedanken. Gerhard Hauptmann hat einmal in prächtigen Worten es ausgeführt, wie alles menschliche Denken ursprünglich dramatisch sei, weil es in Rede und Gegenrede sich bewege. Und die deutsche Sprache bezeichnet mit tiefer Wahrheit die Anschauungen, die wir uns bilden, als Urteile. Sie werden ja in Wahrheit -auch nach einer stummen Gerichtsverhandlung in uns. gewonnen, nachdem das Für und das Wider eines Gegenstands zu Wort gekommen sind. Nicht leicht wird diese Wahrheit irgenwo anders so klar, als beim Talmudstudium. Da enden beim gedruckten Worte nicht die Gedanken des Lesers, sondern nach ihm beginnt eigentlich erst seine geistige Arbeit. Die talmudische Darstellung ist eben kein Referat, sondern wie das menschliche Denken selber eine Debatte in Rede und Gegenrede, und stets ist der Leser gezwungen, in die Gedanken einzudringen, die hinter den Worten liegen, deren Symbole die Worte nur sind. Die Entwicklung eines Gedankens, jede leise Wendung auf seinem Wege, sie komnrt bei anderen Studien gar nicht so sehr zum Bewußtsein, weil eben jedes andere Werk das Studium dem Schüler bequemer macht, weil keines in solchem Maße seine Mitwirkung verlangt und so wenig mit einer bloß rezeptiven Aufmerksamkeit sich begnügt, wie gerade das Talmudstudium. Man müßte schon ein Blatt Gemara ״vorlernen", um zeigen zu können, wie der Talmud solche Erfolge zuwege bringt, und es bleibt sehr zu bedauern, daß einem so großen Teile der heutigen Juden dieser hohe geistige Genuß verschlossen bleibt. Eine Frucht trägt der Talmudjünger sicherlich von seinen Folianten davon. Er lernt die Kunst des Lesens. Denn das echte Lesen ist eine Kunst, so gut wie Malen oder Klavierspielen, nur weniger verbreitet als diese Fertigkeiten. Zum rechten Lesen genügt es nicht, wenn einer Lettern zusammbuchstabiert und Wörter liest; wahren Genuß bringt ein Buch erst dann, wenn der