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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1910-01-01 · 13 (1910) · p. Seite 166

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
13 (1910)
Article
Der Talmud als Bildungsmittel
Date
1910-01-01
Page
Seite 166 (sequence 8)
Language
German
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—. lj)6: ־ד־־ . . . Leser hinter der Druckerschwärze die Gedankenwelt des- Autors entdeckt Unsere Bücher verführen geradezu zueinem oberflächlichen Dahinlesen, bei dem Wohl das gedruckte Wort erfaßt wird, das Beste aber verloren geht, diein ihm verborgenen Gedanken und Empfindungen. In unseren Büchern erscheint alles in dem gleichen Schwarz auf dem nämlichen Weiß, ein tief empfundenes Gedicht sieht gedruckt nicht viel anders aus, als die Ankündigung einer Versteigerung. Gleichmäßig lesen auch die meisten Menschen, was gleichmäßig aussieht, und ihre Lektüre hat deshalb vielfach keine rechte Frucht. Der Talmudist aber ist gewöhnt, ernster mitseinerLektüre sich zu beschäftigen. Es wird ihm ja nicht leicht gemacht, in die Gemara einzudringen, die Buchstaben und Worte besagen dort, wie oben gezeigt, für sich allein nur sehr wenig, sie werden erst verständlich, wenn man stets den Zusammen- Hang des Ganzen zu Rate zieht und von dessen Gedanken sich leiten läßt. Wer Talmud gelernt hat, dem erscheint die Seite eines Buches bald nicht inehr wie ein ebenmäßig bedrucktes Blatt Papier, sondern ähnlich wie eine Landkarte, und wo der naive Leser nur Streifen, und Striche mit verschiedener Färbung sieht, schaut der am Talmud Geschulte ganze Landschaften, Berg und-, Tal, Fluß und Ebene. So kann der Talmud jene geistige Fähigkeit verleihen, die man heute als formale Bildung bezeichnet. Er schärft die Kraft des Denkens und führt zur größeren geistigen Selbständigkeit. Man schreibt diese bildende Kraft in unseren Tagen gewöhnlich den alten Sprachen in besonderem Maße zu. In höherem Grade noch darf aber dem Talmud nachgerühmt werden, daß er eine Ouelle solch formaler Bildung ist. Ein altes jüdisches Sprichwort sagt: ״Aus einem Bachnr kann man Alles machen", und so mag wohl auch der Rabbiner, den Professor Knapp Prüfte, die Kunst des nationalökonomischen Denkens gewonnen haben, die das Ziel für die Ausbildung unserer volkswirtschaftlichen Beamten bildet. Doch auch sachliche, materielle Kenntnisse verleiht die talmudische Forschung. Ist doch der Talmud :

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