Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Talmud als Bildungsmittel
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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161 irt Babylon, die großen Gelehrten inNordafrika,in Spanien, in Italien, in Deutschland, die Rabbinen in der Türkeiund in Polen, die den Schulchan Aruch geschaffen haben, sie alle haben beigesteuert zum Bau der talmudischen Literatur. Und .seit dem Abschluß des Talmud hat es keine Zeit und kein Land gegeben, wo nicht Juden sich bemüht hatten, Fragen der Gegenwart auf Grund des Talmud zu behandeln. Die talmudische Literatur ist so ein Spiegel geworden, in dem das Leben der Juden in den jüngsten 2000 Jahren sein Abbild findet; ihre einzelnen Werke bilden dadurch auch wichtige, wenngleich noch wenig benutzte Quellen zur allgemeinen Kulturgeschichte. Wer ausschließlich die talmudische Literatur kennt, der wird zwar Weder von der klassischen, noch von der mittelalterlichen, oder gar von der modernen Literatur etwas erfahren, aber aus den engen vier Wänden der Halacha wird ihm doch ein Blick verstattet auf viele Probleme, die von Alters her die Menschen beschäftigt haben. In dem weiten Gesichtskreis, den das Talmudstudium, richtig betrieben, verleiht, in dem tiefen Einblick, den es in den Entwickelungsgang der Menschheit erlaubt, liegt nicht zum geringsten Teil die bildende Kraft, mit der der Talmud den Geist des Schülers entwickelt. ״Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschüft zu geben, Bleibt im Dunkel unerfahren, muß von Tag zu Tage leben." Getrost dürfen wir an diesem Worte von Goethe den Wert der talmudischen Bildung messen; gibt sie doch eben die Fähigkeit, 'Rechenschaft abzulegen Won Erfahrungen, die in Jahrtausenden in vielen Ländern ge- Wonnen wurden. Aber darüber hinaus schärft der Talmud noch in besonderer Weise den Geist. Zunächst durch Eigentümlichkeiten äußerer Art. Die Worte erhalten in den talmudischen Drucken und Handschriften keine Nokalbezeichnung, und dem ganzen Werke fehlt jegliche Inter- Punktion, genau wie unseren Thorarollen. Dem Leser,