Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Moritz Veit
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111092-3115387--3566-3115563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
156 Auch Veit konnte sich nicht untreu werden. Wie war Veit? Er war praktisch und ideal, er hielt sich nicht für zu gut, obgleich er durch sein ererbtes und sein erlangtes Vermögen in-der Lage gewesen wäre, von seinen Zinsen zu leben, für den Erwerb tätig zu sein. Er wurde Buchhändler, aber kein Händler gewöhnlichen Schlages, sondern ein vornehmer, idealer Kaufmann, der in der Auswahl seiner Verlagsartikel seine Hinneigung zur ernsten Wissenschaft, zur politischen Freiheit, zur feinästhetischen Schätzung betätigte. Praktisch in seinem Wirken für die Berussgenossen, für die Stadtgemeinde und die religiöse Gemeinschaft, der er angehörte, und doch in dieser Tätigkeit von den idealsten An-' schauungen getragen, die ihn nie etwas für sich begehren, nie Anerkennung und Ehrenstellen verlangen ließ, sondern stets beeifert, die Früchte seiner Tätigkeit den von ihm vertretenen Körperschaften ausschließlich zugute kommen zu lassen. Er vereinigte Gelehrsamkeit und Bildung, für ihn gab es kein totes Wissen, das bloß einem abgeschlossenen kleinen Kreise Vorbehalten blieb, und Bildung war ihm nicht der äußere Firnis, der über das hohle Innere hinwegtäuschte. Er, der in seiner Jugend wissenschaftliche Studien getrieben hatte, bewahrte die Neigung für ernste Arbeit bis an sein Lebensende, sah neidlos, ohne Schmerz darüber zu empfinden und zu äußern, daß ihm die Betätigung seines Studiums nicht gegönnt war, blickte vielmehr voll herzlicher Anerkennung auf die gelehrten Arbeiter hin, die in Selbstentäußerung dem Dienste der Wissenschaft sich weihten. Er verschönte diesen Sinn für Wissenschaft mit einer allgemeinen tiefen Bildung: der verständnisvollen Bewunderung für alles Schöne aus den Gebieten der Literatur und Kunst, einer stets steigenden Verehrung für die deutschen Klassiker, daneben aber auch einer wohltuenden Empfänglichkeit für die Zeitgenossen, unter denen er Karl Werder und Leopold Scheser besonders hoch stellte, einer herzlichen, durch wahrhaften Schönheitssinn veranlaßten und stets gesteigerten Neigung sür die Gebilde der Kunst.