Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Moritz Veit
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 studierte Philosophie und Geschichte und fühlte sich Wohl in den ästhetisch gebildeten, geselligen, poetisch angehauchten Kreisen seiner Vaterstadt. Noch ehe er seine Studien abgeschlossen hatte, versuchte er sich als Dichter, gab im Verein mit gleichgesinnten Freunden, Carl Werder und Heinrich Stieglitz, von denen ersterer lebenslang sein innig verbundener Genosse blieb und auch Sachs nahe trat, Berliner Musenalmanache heraus, die Beiträge Goethes, Zustimmung mancher geistig Großen erhielten und ihn mit vielen jungen Dichtern in Verbindung brachten. Aber zu seinem Glück, in der Erkenntnis, daß sein inniges Dichtergesühl und seine hübsche poetische Begabung doch nicht ausreichten, ihn als freien Schriftsteller sein Leben hinbringen zu lassen, wandte er sich von der Dichtung ab, nachdem er außer ziemlich geglückten lyrischen und Epischen Arbeiten sich auch auf dem dramatischen Gebiet, dort freilich ohne Erfolg, versucht hatte- Als junger Poet hatte er das Judentum keineswegs verleugnet, aber er hatte doch mehr wie ein schwärmerischer Jüngling Liebe und Natur gefeiert, der großen deutschen Vergangenheit gehuldigt, Goethe und andere Vertreter der geistigen Größe Deutschlands besungen, den Polen zugejubelt und die Freiheit froh begrüßt. Auch als Mann der Wissenschaft betrat er nicht das eigentlich jüdische Studiengebiet. Er hatte sich als Schüler Hegels -von den Tagesfragen ziemlich abgewendet, aber der praktische Zug, die Anteilnahme an den Angelegenheiten der Gegenwart, die durch die Stirnmung und die Interessen des väterlichen Hauses in ihm begründet waren, legte ihm für seine größere und einzige wissenschaftliche Arbeit eine Beschäftigung mit einer philosophischsozialen Schule, dem Saint-Simonismus nahe, die damals, namentlich in Frankreich, die Gemüter aufs lebhafteste erregte. Nun zum ersten Male mußte er erfahren, daß er ein Jude war. In Preußen war für ihn eine akademische Karriere ausgeschlossen, da er dem väterlichen Glauben treu zu bleiben gedachte, aber auch in Jena wurde er seines Glaubens wegen zurückgewiesen. Daher entschloß