Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Zur ältesten Geschichte des Christentums
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Ehrfurcht gebietenden Männern des Stuhles Moses, denen der Tempel gehörte mit seiner Marmorpracht, mit seinen Schätzen und Weihgeschenken, mit den Opfern, mit den Priestern und Leviten ohne Zahl, denen endlich die Nation gehorchte und huldigte in den Tausenden, in den Millionen, welche sich zur heiligen Stadt drängten und zu den Vorhöfen, während Jesus mit seinen Zwölfen klein und machtlos darin verschwand." Diese Kennzeichnung des Kleinmutes und der Niedergeschlagenheit im Kreise Jesu, die sich da fühlbar hat machen können, ist an sich schön dargestellt — aber Geschichte ist dies doch nicht. Ein Moment finde ich, an dem die nach einem Motiv suchenden Historiker achtlos vorbeigegangen sind. Die beiden ersten Synoptiker (Matth. 26, 6—13; Mark. 14, 3—9) und Johannes (12, 3 ff.) berichten: als sich Jesus in Bethanien im Hause des Aussätzigen Simon befand, kam ein Weib, nach Johannes war es Maria, und begoß ihn mit sehr teurem Oel. Die Jünger ärgerten sich darüber und meinten, es wäre besser gewesen, das teuere Oel zu verkaufen, um das Geld unter die Armen zu verteilen. Darauf antwortete Jesus: „Arme werdet ihr später auch haben, mich aber bald nicht mehr. Soweit aber dieses Evangelium dringen wird auf der ganzen Erde, wird auch das, was das Weib getan hat, in ewiger Erinnerung erzählt werden." Johannes läßt Maria mit dem teuren Oel Jesu Füße waschen, und nur Judas tadelte diese Verschwendung (nach Lukas 7, 36 ff. hat sich diese Episode ganz anders abgespielt). Matthäus und Markus lassen übereinstimmend darauf Judas den Verrat verüben. Wenn an dieser Erzählung etwas Geschichtliches sein soll, so kann man höchstens annehmen, daß die Selbstvergötterung Jesu auf Judas einen peinlichen Eindruck machen mußte, worauf er sich von Jesu Gefolgschaft zurückzog. Es ist die parteipsychologische Art, Leuten, die sich aus inneren Gründen von einer Bewegung zurückziehen, die schlimmsten und gehässigsten Beweggründe unterzuschieben, was auch hier geschehen sein mochte. Aber noch weniger als über das Motiv für diese schnöde