Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Zur ältesten Geschichte des Christentums
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 31)
- Language
- German
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119 Mühe gegeben hätte, den Unschuldigen zu retten. Der Verfasser der Zusätze, dem man doch kaum freundliche Gesinnung gegen die Juden zuschreiben wird, bezichtigt offen den Pilatus, er habe sich von den Juden mit dreißig Talenten bestechen lassen. Die Erzählung von der Bestechung des Pilatus halte ich für geschichtlich, jedoch in einem anderen Sinne. Daß Pilatus habgierig und bestechlich war, dies bezeugt ausdrücklich Philo (Legatio ad Cajum 38): „Bestechlichkeit, Gewalttaten, Räubereien, Mißhandlungen, Kränkungen, fortwährende Hinrichtungen ohne Urteilsspruch, endlose undunerträgliche Grausamkeit" — solche Schandtaten wirft der jüdische Philosoph dieser elenden Kreatur römischer Unterdrückungspolitik vor. Und dieses Zeugnis eines edlen Mannes fällt gewiß schwerer ins Gewicht, als die Lobhudeleien anonymer Schriftsteller, die wenigstens 60—70 Jahre nach den geschilderten Ereignissen gelebt haben; denen wir auch sonst Jrrtümer und Entstellungen der Tatsachen auf Schritt und Tritt Nachweisen können, und bei denen kaum ein Zitat aus dem biblischem Schrifttum, mit dessen Kenntnis sie so sehr prunkten, richtig ist. Auch Josephus (Alt. XVIII, 3, 1 ff.; Jüdischer Krieg II. 9, 2 ff.) weiß viel von der hervorragenden Grausamkeit und Gemeinheit dieses römischen Statthalters zu berichten. Wenn wir die Person Jesu für geschichtlich erklären wollen (nach meiner Auffassung ist sie nicht ganz erfunden, wie jetzt vielfach behauptet wird), so kann es sich nur darum handeln, daß in jener Zeit, etwa 30—40 Jahre vor dem unglücklichen Kriege, die Spannung in Judäa infolge der ewigen Quälereien durch die Landpfleger > aufs Höchste gestiegen war: Gerade die letzten Statthalter von Judäa waren zumeist grausame und habgierige Menschen, die das unglückliche Land auszusaugen und das unglückliche Volk aufs Blut zu peinigen bestrebt waren (vergl. Schürer I, 485). Im Volke lebten die messianischen Hoffnungen, daß ein „Messias, ein Sohn Davids", erstehen werde, Israel aus der tiefsten Erniedrigung zu befreien. Diesen messianischen Hoffnungen schreibt Josephus (Jüd. Kr. VI, 5,4) die Ursache des