Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Zur ältesten Geschichte des Christentums
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Indessen ist dabei zu berücksichtigen, daß Tactius um das Jahr 55 n. Chr., also etwa fünfundzwanzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu geboren wurde. Die „Annalen" schrieb er nach dem Tode des Domitian (18. September 96), zu einer Zeit, in der über das Christentum und die Person Jesu bereits verschiedene Schriften im Umlauf waren. Auch einige Evangelien waren damals bereits zusanimengestellt. Wir kennen nicht die Quellen des Tacitus für seine Geschichtsdarstellung; heidnische Quellen, aus denen er geschöpft haben'konnte, sind uns nicht bekannt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er die Vorgänge aus einem Evangelium erfahren hat, was ihn jedoch nicht abhielt, von seinem Standpunkt aus, da er allen orientalischen religiösen Vorstellungen abgeneigt war, die Dinge gehässig oder wenigstens verächtlich zu behandeln. Jedenfalls haben wir in dem kurzen nichtssagenden Bericht des Tacitus keine unanfechtbare Bestätigung der evangelischen Erzählung. Wir würden freilich auch nicht viel gewinnen, wenn wir diese Aussagen vollauf gelten lassen wollten; denn hier wird uns nur erzählt, daß sich die Christen nach einem Manne nannten, der während der Regierungszeit des Tiberius von Pontius Pilatus hin gerichtet worden war. Dem Berichte eines heidnischen Geschichtsschreibers gegenüber steht der eines angesehenen jüdischen, der älter als Tacitus ist, und dessen Schriften diesem zweifellos bekannt waren: Flavius Josephus, geboren 37 n. Ehr., Er hat sich ausschließlich mit der jüdischen Geschichte befaßt und auf diesem Gebiete zwei große bedeutsame Werke geschrieben. Von ihm mußte erwartet werden, daß er auch ausführlich über die Person Jesu und über die Entstehung des Christentums, die sich geradezu vor seinen Augen abspielte, berichtete — zumal da er ja die kleinsten Ereignisse jener Zeit und von verschiedenen Männern erzählte, die Vorgaben, der erwartete Messias zu sein, und viel Volk nach sich zogen. Das Schweigen Josephus' dem Christentum gegenüber läßt die Geschichtlichkeit der evangelischen Erzählung sehr fragwürdig erscheinen; es sei denn, daß man annehmen wollte, Josephus