Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Zur ältesten Geschichte des Christentums
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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90 Die objektive wissenschaftliche Forschung wendet bei der Behandlung der evangelischen Berichte die kritische Methode an. Eine unbefangene Prüfung dieser Geschichtsquellen wird in erster Reihe dazu führen, daß man sich nach zuverlässigen, Vertrauen verdienenden Zeugnissen heidnischer oder jüdischer Schriftsteller umsieht. Allerdings wird man dabei in Erwägung ziehen müssen, daß heidnische Zeugen deshalb nicht ganz einwandsfrei sind, weil sie fremden Personen und Ereignissen gegenüber standen, die sie aus Unkenntnis der Dinge mißverstehen mußten; die jüdischen Zeugen hingegen müssen wir als nach der anderen Seite befangen halten. Also absolut sicher wären auch die externen Geschichtsquellen nicht. Eine Ausnahme würden nur solche jüdische Aussagen machen, die zwar den jüdischen Standpunkt nicht verleugnen, aber doch dem Christentum, insbesondere der Person Jesu gegenüber, Wohlwollen und Gerechtigkeit bekunden. Für die älteste Zeit hat man die Angaben des bekannten römischen Geschichtsschreibers Tacitus, der in den „Annalen" über die Schandtaten des Kaisers Nero berichtet und dann hinzufügt, Nero habe die Schuld an der Feuersbrunst, die einen großen Teil Roms vernichtet hatte, auf die seinem Volk „wegen ihrer Schandtaten verhaßten" Christen geschoben und sie mit den ausgesuchtesten Strafen belegt. Wer diese Christen waren, erklärte Tacitus mit folgenden Worten: „Der, von welchem dieser Name stammt, Christus, war unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden, und der für den Augenblick unterdrückte verderbliche Aberglaube brach nicht nur in Judäa, dem Vaterlande dieses Unwesens, sondern auch in Rom, wo von allen Seiten alle nur denkbaren Gräuel und Abscheulichkeiten zusammenfließen, wieder aus." Das Urteil, welches Tacitus über das Christentum fällt, lautete zwar sehr ungünstig, aber wir haben doch in seinem Bericht eine Bestätigung der Geschichtlichkeit Jesu Christi und wenigstens des einen Ereignisses aus seinem Leben: seiner Hinrichtung durch den Landpfleger Pontius Pilatus in der Regierungszelt des Kaisers Tiberius.