Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Esra
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 6)
- Language
- German
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73 groß und angesehen war r). — Ja, selbst der König Artaxerxes zählte zu diesen nichtjüdischen Gottesverehrern, und überhäufte mit Wohlwollen seine jüdischen Günstlinge, insbesondere Nehemia, der in inniger Liebe und Freundschaft mit Esra verbunden war. Doch wie sehr Esra auch allgemein verehrt wurde, wie segensreich seine Wirksamkeit ganz besonders unter den babylonischen Juden sich entfaltete, an seiner Seele nagte ein herber Schmerz, den er nicht zu überwinden vermochte. Ihm war nämlich zu Ohren gekommen, daß die Stammesgenossen in der alten Heimat das Gesetz, „das für ihn der Ausfluß der Gottheit war, die es Mose für Israel offenbarte," unbeachtet ließen, die Fest- und Sabbattage entweihten und an der Zucht- und Sittenlosigkeit ihrer heidnischen Umgebung Gefallen fänden. Diese schmerzliche Kunde erfüllte ihn mit Wehmut und Trübsal und vergällte ihm für kurze Zeit feine Schaffensfreudigkeit. Sollte es möglich sein, daß Zion und Jerusalem, von wo die Lehre und das Wort Gottes ausgehen sollten, eine Stätte der Gesetzlosigkeit, ein Tummelplatz der Willkür und Zügellosigkeit geworden seien? Sollten seine Glaubensbrüder, die Nachkommen derer, die an Babylons Strömen unter Tränen gelobt, Jerusalems immer und ewig zu gedenken, dieses heilige Gelöbnis so schnell vergessen haben? Und heißt es denn nicht Jerusalems vergessen, wenn seine Bewohner die Gebote Gottes, der Jerusalem zu seinem Heiligtum erkoren, verletzen und mit Füßen treten? Und sollte er, der in der Heilighaltung des Gottesgesetzes den ewig sprudelnden Lebensquell des jüdischen Volkes, das alle feine Glieder umschlingende unzerreißbare Band erblickte, der im Mutterlande eingerissenen Gesetz- und Sittenlosigkeit freien Lauf lassen und nichts unternehmen, um diesem Uebelstande abzuhelfen? Er faßte daher den Entschluß, die beschwerliche Reise in die alte Heimat zu nnternehmen und seine ganze Persönlichkeit dort einzusetzen, um die aus Abwege geratenen Stammesgenossen -) Maleachi 1, 11; siehe auch Grätz, Bd. H, 2 S. 128.