Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 35)
- Language
- German
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— 65 — der Zeit der großen hebräischen Dichter, seit Jbn-Gabirol und Jehuda Ha-Levi, hat die hebräische Sprache nicht solche herrlichen Schöpsungen gezeitigt. Bialiks Lyrik ist uralt, sie knüpft an die Sprache und an die innigen Laute der Psalmen an, und dabei auch so modern; ich möchte beinahe sagen so aktuell. Der Natur hat er ihre geheimnisvolle Sprache abgelauscht und er gibt sie in so herrlichen, so herzerquickenden Versen wieder. Seine nationalen Lieder gehören zu den besten dieser Gattung. Die Klagen über die traurigen Ereignisse in der Judenheit, die der Dichter miterlebt, über die blutigen Verfolgungen, die er mit eigenen Augen geschaut hat, reihen sich würdig an die Trauerklagen der Psalmisten über ähnliche Ereignisse. Die „Feuerrolle", die „Metzelei", die „Stadt der Morde" ergreifen nicht minder als die biblischen „Klagelieder". Und dies alles in einer Sprache, die seit Jahrtausenden als „tot" gilt! Von den Erscheinungen der hebräischen Belletristik im letzten Jahre sind besonders hervorzuheben Erzählungen des feinfühligen philosophischen Dichters M. I. Berdyczewski: „Aus der jüngsten Vergangenheit", die sich wie alle dichterischen Schöpfungen dieses eigenartigen Schriftstellers durch Zartheit und Feinheit der Empfindung auszeichnen. Von dem genialen Volksschriftsteller und Volksdichter S. I. Abramowitsch (bekannt unter dem. Namen „Mendele Mojcher Seforim"), der länger als ein halbes Jahrhundert für Volksbelehrung und Volkserziehung unter den russischen Juden hingebungsvoll tätig ist, werden jetzt die zerstreuten hebräischen Erzählungen gesammelt herausgegeben. Wenige sind wie Abramowitsch dichterisch in die Volksseele gedrungen; seine Erzählungen find sprachlich und inhaltlich Perlen der hebräischen Literatur. Von dem ungewöhnlich begabten stürmischen jungen Dichter I. CH. Brenner ist ebenfalls ein Band Erzählungen erschienen — gedruckt in Jerusalem anno mandi 5670. Ein sehr erfreuliches Zeichen der Zeit. Außerdem möchte ich noch erwähnen ein Bändchen hübscher und wohlklingender Gedichte „Zohorajim" von A. Kaminka, die sich zumeist durch einen melodiösen Rhythmus auszeichnen. Von den periodischen Schriften in hebräischer Sprache sind vorzüglich zu nennen die gediegene Monatsschrift