Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 12)
- Language
- German
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42 gebildete Laienwelt, die allerdings nicht nach reiner Wissenschaft dürstete, sondern nach Wissen; sie wollte den Zusammenhang in den Vorgängen der Natur kennen, und wie alles entstanden sei. Ein ähnliches Interesse zeigt sich jetzt auf dem Gebiete der Religionswissenschaft. Man sagt, daß zurzeit eine „religiöse Strömung" durch die gebildete Menschheit gehe, die auf dem Wege sei, „Gott zu suchen". Ohne mich hier mit diesem Problem, das auf dem Gebiete der Mystik liegt, beschäftigen zu wollen, möchte ich eher auf die Literatur der religionsgeschichtlichen Studien in streng wissenschaftlicher oder in volkstümlicher Form Hinweisen, die im Wachsen begriffen ist. Ein weitgehendes Interesse für diese Frage ist zweifellos in allen Schichten der Bevölkerung vorhanden. Für die christliche Welt ist es ein überaus schwieriges Problem, wie sie sich im Lichte der geschichtlichen Untersuchung und der geschichtlichen Erkenntnis zu der evangelischen Erzählung Vom Leben und Wirken Jesu stellen soll. Am meisten befinden sich die freisinnigen Theologen in Verlegenheit, die einerseits die Berechtigung der historischen Kritik anerkennen müssen und sie selbst üben; andererseits aber sich nicht der Erkenntnis verschließen können, daß mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Kritik die Grundlage des Christentums gänzlich verschoben wird. Stellt man sich auf den Standpunkt der Geschichte, so ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit, daß das geschichtliche Christentum im ersten Jahrhundert seines Bestehens nur eine kleine, kaum beachtete Episode in der Geschichte des Judentums bedeutete. Nur die wenigsten Theologen sind gegen sich und gegen die Andern so ehrlich, dies unumwunden einzugestehen und auszusprechen; die meisten helfen sich über diese Verlegenheit durch die Herabsetzung des Judentums hinweg, als hofften sie, das Christentum auf seiner Höhe erhalten zu können, wenn sie das Judentum tief erniedrigen. Etwaspössierlich ist zumeist die Schilderung der Person Jesu. Seitdem sie geschichtlich in der menschlichen Natur geschildert werden muß, ist es eine