Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 6)
- Language
- German
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36 späteren Zeit nicht als rückständig und verkümmert anzusehen — dies lehrt uns die moderne Wissenschaft des Judentums, welche kaum hundert Jahre alt ist. Ist sie bereits erschöpft und hat sie ihre Aufgabe völlig erledigt? Eine solche Meinung ließ sich bereits vor Jahren vernehmen, aber sie ist durchaus falsch. Niemand wird mich in der dankbaren Verehrung gegen die Männer übertreffen, welche in etwa drei Generationen in der Erforschung des Judentunis so viel und so Großes geleistet haben. Das hindert mich aber nicht, stets zu betonen, daß noch mehr und noch Größeres zu leisten ist. Wir können dies, weil wir die Vorarbeiten der früheren Forscher haben. Es gibt keinen Zweig der Wissenschaft des Judentums, wo nicht noch viel, noch sehr viel zu schaffen wäre. In erster Reihe die Erforschung des biblischen Schrifttums, die durchaus noch nicht vollendet ist. Die Anerkennung des größten und heiligsten Buches in der gesitteten Menschheit nimmt in unseren Tagen erfreulicher Weise in dem Maße zu, als es aufhört, ein bloß theologisches Schrifttum zu sein; es wird jetzt auch rein ästhetisch in seiner poetischen Schönheit verstanden und gewürdigt. Ebenso ist es mit der lexikalischen und syntaktischen Erforschung der hebräischen Sprache, die noch lange nicht an ihrem Ziele ist. Die Geschichte der Juden wird nicht nur deshalb von Jahr zu Jahr bereichert, weil Neues, bisher Unbekanntes hinzukommt, sondern auch durch das Auftauchen neuer Gedanken, durch das Hervortreten neuer Gesichtspunkte. Entsprechend dem Zuge unserer Zeit, in der geschichtlichen Forschung sich nicht mit den äußeren Vorgängen zu begnügen, sondern in das geistige Leben der Völker zu dringen und auch die wirtschaftliche Grundlage zu erkunden, wird auch die jüdische Geschichte immer mehr Kulturgeschichte. Die jüdische Literaturgeschichte ist gewiß trotz mancher vorzüglicher Schriften, die wir auf diesem Gebiete besitzen, von der Vollendung weit entfernt, da unser mannigfaltiges Schrifttum sich über Jahrtausende erstreckt und in verschiedenen Sprachen niedergelegt ist. Dem schaffenden Geist des jüdischen Stammes überall nachzuspüren.