Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
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35 schränkung der jüdischen Religion und ihre Transformation zur Weltreligion"?) Wir verzeichnen dankbar das Zugeständnis, daß das Verhältnis der Heidenkirche zum Judentum „auf einer gewissen Stufe" so aufgefaßt werden kann, wie Harnack es in der ersten Hälfte der zitierten Sätze in so zutreffender Weise schildert, und daß „vielleicht" niemand gezwungen werden kann, diese Stufe zu verlassen. Aber für jeden unbefangenen Beurteiler dieser Dinge wird es klar, daß sich auch die freisinnige Protestantische Theologie nicht von den Vorurteilen gegen das Judentum frei' machen kann. Seine gerechte Würdigung könnte es nur durch eine geschichtliche, nicht theologische Auffassung erfahren; und darin liegt der Schwerpunkt der ganzen Frage. Historiker, die dazu befähigt wären, beherrschen die jüdischen Geschichtsquellen höchstens nur so weit, als sie ihnen in griechischer Sprache zufließen. Das sind aber die kärglichsten Quellen, aus denen noch dazu das Judentum nur in einer gewissen Färbung hervorgeht. Für alles andere sind die Geschichtsforscher auf die Vorarbeiten der Theologen angewiesen, aus denen immer der Schulstreit, um nicht zu sagen das theologische Gezänk, herauszuhören ist. Die ewige Polemik läßt eine rein geschichtliche Betrachtung der Dinge nicht zu. Wir können nicht die Erklärung dafür gewinnen, wie es kam, daß ein kleines politisch unbedeutendes Volk in einem vom Hauptverkehr abgeschnittenen Winkel Vorderasiens zum „Salz der Erde" geworden ist; wie es seine Religionsidee und seine Ethik politisch und kulturell mächtigeren Völkern aufgezwungen hat. Noch mehr aber, wie sich der jüdische Stamm auch nach der Entstehung und Erstarkung des Christentums behauptet, und das Judentum, weit davon entfernt, durch die ältere Tochterreligion und durch deren um fünf Jahrhunderte jüngere Schwester „ausgeplündert" zu sein, seine schaffende Kraft bis auf die Gegenwart nicht eingebüßt hat. Das Judentum in der vorchristlichen Zeit nicht als die Vorhalle des Christentums zu behandeln und in der *) Harnack, Die Mission und Ausbreitung des Christentums, S. 50. 3*