Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 4)
- Language
- German
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34 grammatischer Form kennzeichnen. Das Judentum wird von den christlichen Theologen noch immer als eine „Vorhalle" zum Christentum .aufgefaßt, wie. sich Döllinger so offenherzig ausgedrückt hat. Die besten Kenner des Judentums unter ihnen, wie beispielsweise Heinrich Ewald, können sich von dieser Auffassung, die in ihren Kreisen zum Vorurteil geworden ist, nicht befreien. So gründlich auch manche von ihnen das vorchristliche Judentum und das des neutestamentlichen Zeitalters erforschen, sie tun dies stets unter dem Gesichtspunkt der christlichen Religionsidee, davon ausgehend, daß das Judentum mit dem Hervorbringen der Tochterreligion seine Äufgabe erfüllt hätte und vom geschichtlichen Schauplatz abzutreten habe. Daß es dies nicht „rechtzeitig" getan hat, das war sein Fehler und sein Schicksal. Ein freisinniger protestantischer Theologe formulierte seine Anschauung und sein Urteil über diesen historischen Prozeß in folgenden Worten : „Eine solche Ungerechtigkeit, wie die der Heidenkirche (d. h. der siegenden Paulinischen Richtung im Christentum) gegenüber dem Judentum, ist in der Geschichte fast unerhört. Die Heidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiligstes Buch, und, während sie selbst nichts anderes ist als transformiertes Judentum, durchschneidet sie .jeden Zusammenhang mit dem selben: die Tochter verstößt die Mutter, nachdem sie sie ausgeplündert! Aber ist diese Betrachtung wirklich zutreffend? Auf einer gewissen Stufe allerdings, und vielleicht kann man niemanden zwingen, sie zu verlassen. Aber auf einer höheren Stufe stellt sich die Sache anders dar: das jüdische Volk hat durch die Verwerfung Jesu seinen Beruf verleugnet und sich selbst den Todesstoß versetzt; an seine Stelle rückt das neue Volk der Christen; es übernimmt die gesamte Überlieferung des Judentums; was unbrauchbar in demselben ist, wird umgedeutet oder fallen gelassen. In Wahrheit aber ist diese Abrechnung nicht einmal eine plötzliche oder unerwartete; unerwartet ist nur die spezielle Form: das Heidenchristentum führt doch nur einen Prozeß zu Ende, der in einem Teile des Judentums bereits längst begonnen hatte — die Ent-