Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 2)
- Language
- German
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32 Die kleine Schar der geistigen Arbeiter, die in der , ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die europäische Wissenschaft des Judentums, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu schaffen unternahm, hatte mit ungemein großen Schwierigkeiten zu kämpfen, deren größte wohl in der Mißachtung bestand, welche die Juden selbst der Erforschung ihres Kulturlebens und ihrer Geschichte entgegenbrachten. Es wäre eine nützliche,-, weil lehrreiche Arbeit, alle Aeußerungen der unverhohlenen Geringschätzung zu sammeln, die sich auch „gebildete" Juden gegen die mit so großer Opferwilligkeit geschaffene Wissenschaft des Judentums erlaubten. Die Opferwilligkeit war damals nur auf Seiten der jüdischen Forscher, die unter drückender Armut und unzähligen Hindernissen dein Judentum einen würdigen Platz in der Kulturgeschichte erkämpften. Später, als man in den Juden doch mehr Selbstbewußtsein geweckt hatte, was in erster Reihe der Wissenschaft des Judentums zu verdanken ist, hat man wegen der angeführten Worte gegen Zunz einen Vorwurf erhoben. Er hätte die Wissenschaft des Judentums in den Dienst des Kampfes um die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden stellen wollen; sie sei ihm Mittel für einen politischen Zweck gewesen. Aber wenn auf diesem Gebiete je voraussetzungslose, wissenschaftlich-objektive Forschung getrieben wurde, sv tat dies Zunz sicherlich. Aus allen seinen Schriften, die sich allerdings niemals mit der trockenen Zusammenstellung von Notizen begnügten, die der Wissenschaft und nicht der Gelehrsamkeit gewidmet waren, leuchtet der Geist der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit hervor. Für ihn war die Wissenschaft Selbstzweck; sie hatte niemandem zu dienen als der Ermittlung der Wahrheit. Zweifellos ist zumeist auf diesen Umstand das Glück des großen Forschers zurückzuführen, daß in seinen Schriften der Irrtum so selten ist. Aber er hatte doch mit den prophetischen Worten Recht, daß die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judentums hervorgehen würde. Die erste Bedingung für die erstrebte Gleichstellung ist die Selbst-