Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111092-3115383--3434-3115435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
28 und da hierdurch die Menge der christlichen Studierenden anwuchs, konnten nun auch mehr Juden eintreten. Zu solchen Kuriositäten führte die grausame Maßregel der russischen „Volksaufklärung". ■ Diese bleibt auch insofern sich konsequent, als sie durch Polizeimaßregeln jede innere Entwickelung im russischen Judentum zu verhindern bestrebt ist. Einzelne Generalgouverneure sorgen dafür, daß die Juden keine Vorschrift des Schulchan Aruch öffentlich übertreten, daß vornehmlich die Schächter streng rituell verfahren. Ein jüdischer Gastwirt, der es mit diesen Dingen nicht allzu genau genommen hatte, wanderte auf zwei Wochen ins Gefängnis, und ein Chasan mußte abgesetzt werden, weil er auf einer Dampferfahrt sich einmal an dem allgemeinen Buffet beköstigt hatte. Anderwärts benachteiligt man die Juden, weil sie sich angeblich von den Andersgläubigen absondern; in Rußland werden sie bestraft, wenn sie sich mit diesen „assimilieren". Ermutigt durch die Regierung, beginnen die Vertreter der äußersten Orthodoxie unter den Juden selbst, diejenigen Glaubensgenossen zu mißhandeln und zu plündern, die es wagen, die rituellen Ordnungen zu übertreten. Aber nicht nur das geistige Fortschreiten der Juden ist bedroht, auch die leibliche Existenz wird, besonders in Polen, immer mehr gefährdet. Dem ' Beispiele ihrer galizischen Stammesgenossen folgend, suchen die Polen durch geschäftlichen Boykott und durch Begründung wirtschaftlicher Vereinigungen, von denen die Juden grundsätzlich ausgeschlossen werden, diese auszuhungern. Ein riesiger, unblutiger aber höchst wirksamer, beständiger Pogrom! In Warschau fordern viele Hausbesitzer Juden einen um fünfzig Prozent höheren Mietzins ab, als christlichen Mietern; selbst in Anstalten, die der reinsten Menschlichkeit gewidmet sein sollten, in den Krankenhäusern, berechnet man die Arzeneien jüdischen Patienten teurer als den christlichen. Die Polen stehen also an Unduldsamkeit und Verfolgungssucht ihren russischen Unterdrückern ganz gleich.