Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 18)
- Language
- German
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29 Wenigstens auf dem geistigen Gebiete nehmen die Juden den Kampf nach Möglichkeit auf. Sie begründen und unterhalten Schulen, soweit die Feindschaft der Behörden es ihnen gestattet. Sie dehnen die Tätigkeit der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden Rußlands" immer weiter und über immer neue Orte aus. Sie errichteten in Petersburg eine „Jüdischliterarische Gesellschaft" die sich die Pflege der hebräischen und „jiddischen" Sprache, Wissenschaft und Belletristik sowie der jüdischen Kunst in allen Teilen des russischen Reiches zur Aufgabe stellt. Aber diese löblichen Bestrebungen können im großen an der furchtbaren Lage unserer russisch-polnischen Glaubensgenossen wenig ändern. Kein Wunder, daß ihre Auswanderung, wenn sie sich auch ein wenig vermindert hat, doch massenhaft weitergeht und immer noch au hunderttausend Seelen im Jahre beträgt. Bisher hatten die christlichen Staaten Rußland und Rumänien bei der Mißhandlung ihrer israelitischen Bewohner noch einen mohammedanischen Genossen: Marokko. In neuester Zeit scheinen aber die nachdrücklichen Lehren, die zumal das französische Heer den Marokkanern hat angedeihen lassen, hier eine Wendung zum besseren herbeigesührt zu haben. Die Juden können ungestört auch außerhalb ihrer Melbahs in den Vierteln der Mohammedaner verkehren, hier ihre Fußbekleidung anbehalten und auch reiten. Der Großwesir des Sultans Muley Hafid hat den Paschas aufgetragen, allerorten für den Schutz der Israeliten zu sorgen. Diese Maßregeln werden wirksam sein, so weit die Macht des Sultans reicht und so lange die Furcht vor den europäischen Mächten anhält. Auf die Dauer können die Verhältnisse der marokkanischen Juden sich nur dadurch günstig gestalten, daß ein Kulturstaat in diesem nordafrikanischen Lande die Herrschaft erhält. Das ist ja in allen Bedrängnissen der Gegenwart der Trost und die Ermutigung für die Israeliten, daß ihre Sache auf das engste mit der. der Civilisation und des Fortschritts verknüpft ist. Unsere leider noch allzu