Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 10)
- Language
- German
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21 Übrigens wurden ein weiterer glaubenstrelier Jude, Major Joseph Neumann, zum Oberstleutnant, der Oberstabsarzt Dr. Salomon Kirchenberger zum Generalstabsarzt befördert. Wir erwähnen diese Fälle namentlich, da sie als Material bei unserem Kampfe um die Gleichstellung auf militärischem Gebiete in Deutschland nützlich sein können. Freilich, in der Bevölkerung der deutschen Länder des Kaiserstaats herrschen leider die Christlich-Sozialen nach wie vor. Sie trugen abermals bei den Landtagswahlen der Provinz Nieder-Oesterreich, im Oktober 1908, einen vollständigen Sieg davon, selbst in dem zum großen Teile von Juden bewohnten Wiener Stadtviertel Leopoldstadt. Es gibt auch dort zahlreiche unserer Glaubensgenossen, die lieber für den Antisemiten stimmen, als für einen Sozialdemokraten oder selbst für einen Freisinnigen. Solcher Selbstdemütigung gegenüber.kann man nur die Achsel zucken — solche Juden verdienen das Schicksal, das die Antisemiten ihnen bereiten und noch schlimmer zufügen möchten. Ein herrlicher Beleg dazu war der Beschluß des Stadtrats von Eger, jüdische Händler zu den dortigen Jahrmärkten nicht mehr zuzulassen, und das zu derselben Zeit, wo die jüdischen Studenten Prags zu Ehren des Deutschtums sich vom tschechischen Pöbel täglich mißhandeln ließen. Die politischen Errungenschaften der Christlich-Sozialen Oesterreichs sicherten ihnen einen immer größeren Einfluß bei der Regierung des Staates. Der Präsident des neuen Ministerkabinetts, von Bienerth, sowie sein Minister des Innern (seit November 1908) sind Anhänger dieser Partei. Aehnlich im Abgeordnetenhause des Reichsrats: sein Präsident, Dr. Pattai, ist Christlich-Sozialer, sein Vizepräsident, Dr. Steinwender, deutsch-nationaler Antisemit. Es ist das eben die zahlreichste Partei im Abgeordnetenhause. Einsichtige und wohlgesinnte Juden, an ihrer Spitze der erste Vorsitzende der Wiener Gemeinde, der hochverdiente Dr. Alfred Stern, haben die Notwendigkeit