Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111092-3115383--3425-3115426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 Ein entsprechender Antrag vereinte eine geringe Mehrheit der Delegiertenstimmen; allerdings haben nachträglich viele, die dem Anträge beigepflichtet hatten, ihr Votnm als ein irrtümliches freiwillig widerrufen. Aber wie dem auch fei, ein großer Teil der Gemeindevertreter hielt den Entwurf für allzu zentralisierend. Die Notwendigkeit einer Neuorganisation wurde freilich von keiner Seite — es sei denn durch eine verschwindend kleine Zahl extrem Orthodoxer — bestritten. Es kann sich also nur um das Maß der Zentralisation handeln, wobei allerdings nicht zu übersehen ist, daß jedenfalls den größeren Gemeinden die reichliche Beiträge zur Unterstützung der kleinen zahlen sollen, eine Mitwirkung bei der Kontrolle über die Verwendung dieser Gelder keinesfalls versagt werden darf und kann. Ebenso ist den Ansprüchen der Rabbiner, Lehrer und Kantoren so weit Rechnung getragen, wie es nur das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden erlaubt. Aber alle diese Beamten dürfen nicht vergessen, daß sie um der Gemeinde willen da sind, und nicht die Gemeinde um ihrer willen; und daß sie eine schwere und für ihre eigene Stellung und Wirksamkeit verhängnisvolle Verantwortung aus sich laden würden, wenn sie wegen materieller oder selbst höherer Sonderinteressen ein Werk zum Scheitern brächten, das für die religiöse und sittliche Entwickelung der Judenheit Preußens von entscheidender Bedeutung ist und sogar unter allen Umständen ihre eigene persönliche und amtliche Stellung (vielleicht mit Ausnahme von Hannover und Hessen) außerordentlich fördert. Hoffen wir, daß der stets bewährte gesunde Sinn, die oft erprobte Einmütigkeit der preußischen Juden in den Lebensfragen der Gesamtheit auch hier zu einer Einigung führen und die Gegensätze in entsprechender Weise ausgleichen wird. In dem benachbarten Oesterreich fährt der greise Kaiser Franz Joseph fort, seinen israelitischen Untertanen unausgesetzt Beweise seiner milden und gerechten Gesinnung zu geben, die von keinem Hauche des Antisemitismus getrübt wird. Einer Deputation jüdischer Genieinden Bos-