Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 6)
- Language
- German
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17 äußersten Westen Deutschlands und zumal Preußens, in den Rheinlanden, die Beamtenschaft, die in ihrer privaten Lebensführung die unversiegbare Quelle antisemitischer Gesinnung ausmacht und solche immer wieder in die eingeborene Bevölkerung hineinträgt, die sonst von ihr nichts weiß. Das ist nach den eingehenden lokalen Erhebungen des Verbandes der deutschen Juden eine unleugbare Tatsache. Da, wo der gesellschaftliche Einfluß der preußischen Beamtenschaft hinreicht, wird das sonst gute soziale Verhältnis zwischen Christen und Juden vergiftet. Aber trotz jenes Elements geht es mit der schlechten Sache des Antisemitismus unaufhaltsam zurück. Selbst sein Hochsitz, den er — mit kurzer Unterbrechung — Jahrzehnte lang beherrscht hatte, der Reichstagswahlkreis Siegen, ist ihm nach dem Rücktritte des Abgeordneten Stöcker verloren gegangen; der von Stöcker empfohlene Kandidat unterlag einen: Nationalliberalen. Das Bezeichnendste und Erfreulichste ist, daß sich hier zum ersten Male sämtliche Parteien — Nationalliberale, Freisinnige, Zentrum und Sozialdeinokraten — gegen die „ Christlichsozialen" geeint hatten. Hoffentlich sind diese Ereignisse vorbildlich: wenn die Wahlkreise eines Bruhn und Schack sowie ihrer Gesinnungsgenossen neu zu besetzen sind, werden sich alle anständig Denkenden gegen die Faktion dieser Ehrenmänner zusammenfinden. Dann wird es mit dem Anachronismus des politischen Antisemitismus zu Ende sein. Möge die Zeit wiederkehren, wo sich jeder Gebildete auch der antisemitischen Gesinnung schämte! — Nicht nur ihre Stellung im Leben des deutschen Volkes, sondern auch ihre innere Organisation beschäftigte die Judenheit unseres Vaterlandes. In Baden, in. Hessen, in Württemberg fanden hier zwischen Orthodoxen und Liberalen leidenschaftliche Kämpfe statt, die am Ende meist zu negativen Ergebnissen führten. Am dringendsten aber war das Bedürfnis einer neuen und wirksamen Gliederung in Preußen, wo das Gesetz vom 23. Juli 1847, indem es jede jüdische Gemeinde ganz