Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 5)
- Language
- German
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16 — der Macht des Vorurteils. Keine Besprechung im Reichstage, keine Zusage von Seiten der Armeeverwaltung hat das mindeste gefruchtet. Die Unduldsamkeit des preußischen Beamtentums und Offizierkorps haben sich als stärker erwiesen, denn Volksvertreter, Kriegsministerium und Krone. Wie lange wird diese Kraftprobe noch dauern? Man erinnert sich wohl, daß als der Antisemitismus noch triumphierte, als er die Straße, die Gesellschaft und die Presse beherrschte, als „jeder anständige Deutsche noch Antisemit war", daß damals diese Richtung von Polizei und Gericht beschützt und gefördert wurde. Die Beweise dafür möge man in dem jetzt erschienenen zweiten Bande meiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" Nachlesen. In der Gegenwart ist aber der Antisemitismus offenbar im Sinken begriffen. Dazu hat, neben der Hohlheit und offenbaren Unwahrheit seiner Phrasen, die persönliche Nichtsnutzigkeit der meisten seiner Führer das Wesentlichste getan. Gerade in der letzten Zeit ist sie wieder hell ans Tageslicht getreten. Nachdem schon früher ein Hammerstein und Sedlyczek, ein Paasch und Hartwig, ein Leuß und Ahlwardt und so viele andere wegen gemeiner Verbrechen zu Gefängnis und Zuchthaus verurteilt worden, hat sich nunmehr ein Schack, der Leiter des antisemitischen „Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes", als ein perverser Lüstling erwiesen, ist ein Dahsel, der sich gerühmt hatte, die Reichskanzler Caprivi und Hohenlohe gestürzt zu haben, als Erpresser bestraft worden, hat das Gericht einen Bruhn, den Helden (!) von Könitz, ähnlicher Verbrechen bezichtigt. Mit Recht fragt man sich, weshalb die sonst so schneidige Staatsanwaltschaft und Polizei gegen das Erpresserblatt „Die Wahrheit" dieser Antisemiten Dahsel und Bruhn so lange Zeit hindurch gänzlich untätig blieben? Sollte nicht eine geheime Übereinstimmung antisemitischer Neigungen auf diese auffallende Nachsicht eifriger Beamten — natürlich unbewußt — eingewirkt haben? Denn wie in den Ostmarken, so ist es auch im