Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5669
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 4)
- Language
- German
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15 Standesbewußtsein und Kastenwesen, die hier herrschen, wollen die bisher von der Bureaukratie ausgeschlossenen Juden noch nicht als Gleichberechtigte und vor allem nicht als Mitbewerber anerkennen. Freilich der Minister des Innern hat in die unter seinem Vorsitze tagende Jmmediatkommission zur Vorbereitung einer Verwaltungsreform auch einen hervorragenden Abgeordneten jüdischen Glaubens, Geheimen Justizrat Cassel, berufen. Freilich geht man neuerdings da, wo kein entsprechender christlicher Gelehrter zur Hand ist, in seltenen Fällen von dem Grundsätze ab, keinen Juden zum ordentlichen Universitätsprofessor zu berufen. Allein sonst zeigt sich die Furcht des preußischen Beamtentums vor den Juden und sein Haß gegen sie bei jeder Gelegenheit. Es opfert diesen Empfindungen selbst die Pflicht gegen den Staat und den Gehorsam gegenüber der Zentralregierung. Beide verlangen in den vorwiegend von Polen bewohnten Landesteilen gebieterisch die Erhaltung der jüdischen Bevölkerung, die stets eine treue Stütze des Deutschtums und des preußischen Staatsgefühls gewesen ift. Aber die Beamten predigen hier durch Wort und Beispiel den sozialen und den geschäftlichen Boykott der Juden und treiben diese hierdurch aus den Ostmarken hinaus. Ein Angehöriger dieser Kaste hat vor kurzem eine Schrift veröffentlicht, in der die Aushungerung der als „auch- Deutsche" bezeichneten Juden in den Ostmarken nachdrücklich anempfohlen wird. Es sind auch das Beamtentum und die diesem nahestehenden Bevölkerungsschichten, die über die Wahl in das Offizierkorps der Heeresreserve zu bestimmen haben. Sie haben es durchgesetzt, daß seit dem Auftreten des Antisemitismus am Ende der siebziger Jahre kein Jude mehr im preußischen Heere Reserveoffizier geworden ist. Vergebens haben sich jüngst der Kriegsminister von Einem wiederholt und sogar der oberste Kriegsherr — der Kaiser — ausdrücklich gegen diese Ungerechtigkeit erklärt; es ist alles beim Alten geblieben. Der viel gerühmte unbedingte soldatische Gehorsam gegenüber dem obersten Kriegsherrn versagt vollständig vor