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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1910-01-01 · 13 (1910) · p. Seite 9

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
13 (1910)
Article
Gustav Karpeles
Date
1910-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 verbürgt. Der Hunger und Durst nach Belehrung ist ein Merkzeichen des jüdischen Volkscharakters. „Die Macht des Judentums liegt in seinem Worte," dieser Ausspruch zeigt deutlich an, wo sein Lebensnerv zu finden ist. Von dem großen Gesetzeslehrer Rab wird berichtet: Als er nach Sura kam, da traf er im Bolke eine so große Unwissenheit an, daß ihm die Stadt wie ein ödes Tal erschien. Er hegte es ein und Pfiegte es, indem er Vortragscyklen eröffnete. Das Volk fand bald solches Wohlgefallen an der Belehrung, daß es in großen Mafien herbeiströmte. Das leuchtete Karpeles als Vorbild ins Herz hinein. Vorträge sollten Leben und Bewegung ins Volk bringen, und siehe da, es füllten sich die Säle der Literaturvereine, die oft nicht alle Einlaß. Begehrenden fassen konnten. Eine auserwählte Schar von Rednern, die Karpeles heranzuziehen wußte, gab den Vereinen Ansehen und Triebkraft, aber in ihrem Mittelpunkte stand 'er selbst. Mehr noch als durch die Schrift war es ihm gegeben, durch das Wort zu wirken. Nicht bloß den Gesetzen der Rhetorik verdankte er seine Wirkung, das Wort war ihm nur das, was dem Künstler die Bausteine, der Marmorblock, die Farbe, der. Ton bedeutet. Er war kein landläufiger Vortragender, der sich in Worten ergeht; er war ein Redner in idealem Sinne, ein Sprecher, der sich unbefangen und rückhaltlos an das jüdische Herz wandte, und er hatte ein Recht dazu, weil er selber ein jüdisches Herz hatte. Der Glaube an das, was er sprach, war die Seele seiner Rede, und so glänzte sie im Lichte der Propheten und unserer Weisen. Es war etwas von jenem Geiste, den Elia auf Elisa gelegt hatte. Was Wunder, daß die Versammelten mit beflügelter Begeisterung seinen Darlegungen folgten. Wohin er kam, nach Ost und West, nach Nord und Süd, überall wurde er wie ein Sendbote, der gute Botschaft bringt, empfangen; es waren die Tage, in denen er erschien, zu Festtagen geworden, man feierte mit ihm Simchath-Tora.

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