Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Gustav Karpeles
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Schon in der Sammlung der heiligen Schriften, die uns als Hauptquelle der Religion gilt, waren Literatur- Werke historischer, prophetischer, poetischer Art abzugrenzen. Am schwierigsten war die Kennzeichnung des den Gesamtnamen Talmud führenden Schriftwerkes. Es nur als Literaturdenkmal hinzustellen, ging schon deshalb nicht an, weil es das mündlich überlieferte Gesetz enthält, eine ergänzende Erklärung und Fortsetzung der Thora. Karpeles bezeichnet es zwar als ein „Denkmal der Wissenschaft, als ein großes Nationalwerk, an dem im Lause eines Jahrtausends dreißig Generationen geschaffen haben", aber in dem gesetzlichen Teile, den man Halacha nennt, mußte er doch das religionsgeschichtlich Bindende anerkennen und nur den Poetischen Teil, den man Häggada .nennt, und den ihr verwandten Midrasch der reinen Literatur zuweisen. So behandelte er auch die nachfolgende arabischspanische Epoche. Die Talmudforschung spinnt den religionsgeschichtlichen Faden weiter, während Bibelerklärung, Philosophie und Poesie mit den angrenzenden Disziplinen den literarisch-wissenschaftlichen Kreis bilden. In herzerhebender Weise richtet er unser Augenmerk auf die Glanzsterne am Himmel des Judentums, aus Sadja Gaon, Maimonides, Abraham ibn Esra, Gabirol, Juda Halevi. So erklärt uns auch sein Meistergriffel, wie nach Ablauf der spanischen Glanzzeit die literarische Produktionverfallen mußte, die nur noch in den für das Volk berechneten Schöpfungen eine volkstümliche Literatur ergab von größerer oder geringerer Tragweite, daß dagegen das religionsgeschichtliche Element, das sich völlig in sich selbst zurückgezogen hatte, sich endlich im Schulchan aruch verdichten konnte zu einem ausschlaggebenden Gesetzbuch. Erst mit Mendelssohn wird der Boden gewonnen, auf dem bald darauf die Wissenschaft des Judentums ihre Auferstehung feierte, unter deren Leuchtkraft sich auch Poesie und Belletristik in neuem Schaffensmut erhob. Aber den eigentlichen Wendepunkt in unserer