Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Gustav Karpeles
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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er dem Traditionellen seine volle Aufmerksamkeit zuwandte, so versäumte er doch nicht, auf die Forderungen der Zeit hinzuhorchen und die neuen Gestaltungen, die der neue Geist ungestüm forderte, auf ihre Berechtigung zu prüfen. Einen festen Standpunkt gewann er erst mit seiner Orientierungsarbeit, als welche wir seine „Geschichte der Jüdischen Literatur" betrachten. Die Vorarbeiten lieferte die Wissenschaft des Judentums, indem sie das Schrifttum sichtete und kritisch beleuchtete. Die beiden Altmeister Zunz und Steinschneider brachten Licht und Ordnung in das ungeheure Material. Zunz führte den Gedanken historischer Entwickelung ein, Steinschneider lieferte den Beweis von der fortbildenden Kraft im Judentum. Die Zeit, eine Jüdische Geschichte zu schreiben, war gekommen. Grätz stellte das Geistesleben jedes Zeitalters dar in enger Verbindung mit den Geschicken der Juden unter den Völkern. Ihm gegenüber betonte Geiger das Judentum in seiner religiösen Entwickelung. Abgesehen von einzelnen, wenn auch goldenen Rücksichtslosigkeiten, bildet sein Werk: „Das Judentum und seine Geschichte", den Höhepunkt, der bis jetzt in der Beurteilung unserer Religionsgemeinschaft erklommen worden ist. Wie sollte sich nach diesen Vorarbeiten die Literaturgeschichte aufbauen? In den uns von Karpeles geschenkten zwei Bänden haben wir die Antwort. Vor allem verfolgte er den Zweck, das jüdische Schrifttum der Weltliteratur einzuverleiben, um ihm die allgemeine Beachtung zu gewinnen, die ihm gebührt. Neben diesem mehr nach außen gerichteten Zweck kam es hauptsächlich darauf an, das Schrifttum für uns selbst so darzustellen, wie es in seiner religiösen Bedeutung von uns erfaßt wird. Tragen auch die meisten Werke einen rein literarischen Charakter, die wichtigsten und bestimmenden sind doch als Religionsquellen anzusehen. So ergab sich die Scheidung von selbst: was gehört der Religionsgeschichte an, was der Literaturgeschichte?