Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Die Juden im Amerika spanischer Zunge
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
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— 103 — aus gerechnet — also ungefähr in derselben Gegend, die Montesinos besuchte, die „Collas"-Jndianer angetroffen habe, die in „Namen, Sprache, Nasen, Kleidern und Gutturallauten den Hebräern außerordentlich ähnelten." Dies Volk hätte dem Reisenden ausdrücklich erklärt, daß ihre Vorfahren Israeliten gewesen seien und sie daher noch heute ihren Kindern Namen wie David, Salomon, Rachel, Sarah gäben. Nach seiner Rückkehr bemühte sich Centreras in Lima Missionare zu einem Bekehrungsfeldzuge nach dem Lande der Collas zu veranlassen, starb aber bald, so daß die Kordilleren-Juden wieder einmal unauffindbar wurden. Dr. Andres Rocha bedauert lebhaft, daß es wegen des unerwarteten Todes Centreras nicht möglich gewesen sei, die Collas in den Schoß der allein seligmachenden Kirche zu führen, denn da dieselben einerseits Nachkommen der alten Israeliten wären und andererseits ihre Ahnen sich nicht mit der Tötung Jesus entweiht hätten, hätten sie, einmal getauft, den ältesten und ehrwürdigsten Adel der Welt gebildet, gegen den der stolzeste spanische Grande ein Emporkömmling gewesen wäre. Aber im Großen und Ganzen fanden diese Phantasien selbst bei den wenig kritischen Menschen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts wenig Glauben, ebensowenig wie die Ueberzeugung des Kolumbus,^) daß das Paradies in der Nähe des Orinoko-Stromes liegen müßte. Für die Rothäute war dies unstreitig ein unschätzbares Glück, daß man sie nicht als jüdischen Ursprungs betrachtete, denn sonst wären sie von den Eroberern wohl noch schlechter behandelt worden, als dies ohnehin der Fall war. Wer weiß, ob sie sonst das beneidenswerte Vorrecht genossen hätten, selbst wenn sie nicht nach den Bräuchen der katholischen Religion lebten, von der Inquisition verschont zu bleiben.") Denn am 28. September 1549 erließ Karl V. eine „real cedula“, eine „königliche Verordnung", nach welcher die Glaubensrichter die Indianer nicht zur Rechenschaft ziehen dursten. Elf Jahre später wurde dieser Befehl noch einmal wiederholt und blieb über zwei Jahrhunderte in Kraft. Man betrachtete die Urbewohner der Neuen Welt eben als minderwertige, für ihre Handlungen nicht verantwortliche Wesen.