Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Die Juden im Amerika spanischer Zunge
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 97 — Trotzdem hätten alle diese Notizen wohl für immer in meinem Schreibpult geschlummert, wenn nicht der Weltkrieg gekommen wäre. Der deutsche Leser in der Heimat vermag sich kaum eine Vorstellung von dem Gefühl grenzenloser geistiger Vereinsamung zu machen, das einen Farmer in den Pampas Steppen befällt, wenn er in einer derartig gewaltigen Zeit monate- und jahrelang ohne jede Nachricht von Freunden und Verwandten, ohne ein deutsches Buch oder Zeitungsblatt, ja — nach dem Eintritt Nordamerikas in den Krieg — ohne ein aus der Heimat herrührendes Telegramm bleibt. Wie öde und traurig werden dann die langen Winterabende auf dem Lande, wie schal dünkt das, was die Landespresse — selbst die sogenannte germanophlle — bietet, und wie bald sind die Paar Dutzend deutsche Bücher, die sich im Hause vorfinden, noch einmal durchgelesen! Und als ich zum zweiten Male Gustav Freytags „Bilder aus der deutschen Vergangenheit", die ein Glückszufall bis in mein südamerikanisches Wildwest rettete, durchstöbert hatte, kam mir der Gedanke: „Wenn Du schon nicht dein bescheidenes Teil beitragen kannst, drüben Weltgeschichte mitzumachen, warum nicht hier ein abgelegenes, bisher unbeachtetes Feld derselben schildern und dem europäischen Leser in ruhigeren Zeiten zugänglich machen?" Gesagt, getan! Zettel und Papiere, die sich allmählich angesammelt hatten, wurden vorgesucht, ein neues schriftliches Granatfeuer über das lateinische Amerika entladen, und während in der alten Welt schier die Erde barst und hier der kreolische Mob den deutschen Klub und deutsche Geschäftshäuser plünderte, entstand in zahlreichen Winterabenden und wenigen Regentagen diese kleine Schrift. Der Leser möge ihre Unzulänglichkeit entschuldigen. Sie ist ein indirektes Kriegsprodukt. Mir gegenüber hat sie jedenfalls ihren Zweck erfüllt, denn ihre Absaffung erwies sich als ein ausgezeichnetes Mittel gegen Langeweile, Ungeduld und allerhand Ungemach. 7