Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3111067-3111118-3115209--6707-3115327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 93 dem Vertreter bet niederträchtigen feigen Verfolgerschar hochaufgerichtet da, das Richtschwert in der Hand — ihm gegenüber der alberne, früher so dummstolz sich gebärdende Repräsentant des gedankenlos dummer Völlerei und Liederlichkeit ergebenen grausamen, vornehmen Plebs — da verwandelt der kleinlich pfiffige Advokatenkniff eines listigen Weibchens die Scene. Es triumphiert die Brutalität des Diesseitsmenschen und der stolze Ewigkeitsmensch, der Jude, bricht zusammen. Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Erde — für den Juden schon gar nicht. Aber vor dem Forum der Ewigkeit behält er Recht. So sagts der Dichter. Das Stück klingt aus in einem jubelnden Feste, das die Leute dieser Welt, der Welt des Scheins und des gegenwärtigen Tages feiern. Des Juden wird nicht mehr gedacht. In Tanz und Trunk, in Küffen und Jubel dauert die ewige Orgie fort. — Wann wird der Regisseur kommen, der es wagt, uns diesen Kaufmann von Venedig zu zeigen? Venedig müßte auferstehen in all seiner märchenhaften Pracht, erfüllt von dem Karnevalstreiben sorgloser, leichtfertiger Menschen. Zwischen ihnen stolziert der hohlköpfige, aufgeblasene, billige Phrasen um sich streuende Antonio, umgeben von dem liederlichen Pack der geputzten jsnnssss äorss. Blumengeschmückte, bunte Gondeln ziehen durch die Kanäle und geben den Liebespärchen ein lauschiges Asyl, — in der Loggia Antonios stehen köstliche Speisen, Früchte und Weine zur Verfügung seiner Freunde. Bunte Maskenzüge wirbeln vorüber, ein toller Strom der Lust geht durch die Stadt, und in den Wirbel wird alles hineingerissen was nicht fest aus eigenem Boden wurzelt, so Jesfica und Lanzelot, und selbst einer, der die Hohlheit durchschaut, wie der gescheite, zynische Graziano kann sich dem Strom nicht entziehen. — Durch dies Gewühl sorgloser Müßiggänger, die nur das Heute kennen, schreitet düster der Mann der Ewigkeit, der Jude. Er hat mit dieser Welt nichts zu schaffen und er blickt auf fie mit Verachtung. Gaffenjungen bewerfen ihn mit Schmutz