Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111118-3115209--6706-3115326- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 92 — Entscheidet aber das Gericht für ihn—durch ein Wunder wie das, welches Jakob geschah — so ist Antonio vom himmlischen Gericht verurteilt und hat seine Strafe zu tragen — und so wächst in diesem Augenblick Shylock zur Riesengröße — alle kleinen, habsüchtigen Regungen, alle Menschlichkeiten fallen von ihm ab — er will eine Entscheidung des Höchsten über sein, über seines Stammes Recht, — und wenn er dann später, da das Wunder geschehen, da in sichtbaren Zeichen der Himmel für ihn gesprochen, und Antonio verdammt hat, den Spruch unerbittlich vollziehen will, so fühlt er sich als Vollstrecker höheren Willens, als Vollzieher des Spruches des höchsten Gerichtes, als Rächer seines Gottes und seines Volkes. Und noch einmal muß festgestellt werden: Wenn der Dichter im Streit der Juden mit ihren Widersachern das Gottesgericht für den Juden entscheiden läßt, so ist nicht zweifelhaft, auf wessen Seite er das Recht sieht. — Shylock hat seinen Prozeß gewonnen — vor dem höchsten Gericht, dem göttlichen Gericht nämlich. Aber das besagt durchaus nicht, daß er auch vor dem irdischen Gericht Recht bekommt, jenem Gericht, das aus Menschen eben jener Welt zusammengesetzt ist, zu der er in unverbrüchlichem Gegensatz steht. — Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn er nun nicht in der köstlichsten Tragikomödie aller Zeiten den Gegensatz zwischen göttlichem und irdischem Gericht gezeigt hätte. Es genügt durchaus nicht Recht zu haben, um auch an der Tafel der irdischen Justiz Recht zu erlangen. Und wer weiß das besser als der Jude? Wann hat er je in dem großen jahrtausendelangen Prozeß sein Recht erhalten, an dem er trotzdem nie gezweifelt hat? Und Shylock, der einen Augenblick an einen gerechten Richterspruch dieser Welt zu glauben wagte, wird grausam von seinem Irrtum geheill. Das klare Recht des Shylock wird durch einen rabulistischen Kniff, einen bösen, juristischen „Dreh" in Unrecht verwandelt. Urplötzlich wandelt sich die Tragödie in eine Groteske. Eben noch stand der Jude, der große Anwalt des Rechtes seines vergewaltigten, entweihten und entwürdigten Volkes, der Vollstrecker göttlicher Rache an