Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 91 — diese Klausel, ihn, Antonio, zu demütigen. Aber was verschlägt das! Geschehen kann nichts — bis zum Verfalltage find die Schiffe längst herein — nie und nimmer kann jene Klausel in Kraft treten, Antonio reibt sich die Hände, daß er von dem Juden das Geld umsonst bekommt und er ist bereit, alle Demütigungen auf sich zu nehmen, sich von dem Juden jede Wohltat gefallen zu lassen, wenn er nur sein Geschäft dabei machen kann. — Kann man den falschen Stolz, die Hohlheit der angemaßten Würde dieses königlichen Kaufmanns klarer zum Ausdruck bringen? Aber — und damit kommen wir auf die alte Frage zurück — was kann einen Shylock veranlassen, auf solch eine minimale Chance hin. das Geschäft zu wagen? Das Gefühl, den stolzen Christen so gedemütigt vor sich zu sehen, durch Wohltaten glühende Kohlen auf sein Haupt zu sammeln, reicht als Motivierung nicht aus. Ich behaupte. Shylock ist seiner Sache sicher, ist absolut dessen gewiß, daß Antonio gegen alle menschliche Berechnung die Schuld nicht zum Fälligkeitstag einlösen können wird. Unmittelbar vor dem Abschluß des Geschäftes erzählt Shylock zur Rechtfertigung des Zinsenannehmens die Geschichte aus der Bibel, wie Jakob sich von Laban die gesprenkelten Lämmer ausbedungen hatte, und dann sämtliche Lämmer gesprenkelt zur Welt kamen. Antonio bemerkt dazu: „Das war ein Mücksfall, worauf Jakob diente In seiner Macht stand nicht es zu bewirken Des Himmels Hand regiert und lenkt es so." Des Himmels Hand! — Hier dämmert es dem Shylock: Jakob konnte sich dem „Zufall" anvertrauen — der Himmel mußte ihm beistehen — auch gegen alle Wahrscheinlichkeit. So kann auch er, da der verhaßte Feind sich ihm nähert, die Sache dem Himmel anheimstellen. Er ist des guten Ausganges ebenso sicher, wie es nur Portia und Portias Vater bei der Kästchenlotterie sind. Shylock ruft ein Gottesgericht an, das rechtsprechen soll zwischen ihm, dem Verfolgten, und Antonio, dem Verfolger. Alle Chancen sind auf der Gegenseite — nur ein Wunder kann für ihn, Shylock, wirken.