Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 — Wohltäter Jedermanns, stellt er das verachtetste Subjekt Venedigs, den berüchtigten und verschrieenen Wucherer, den als hartherzig und habsüchtig bekannten Juden gegenüber. Mit unendlicher Verachtung steht Antonio von seinem Piedestal auf chn herab, er speit ihn an, er nennt ihn einen Hund, beschimpft ihn wegen der Zinsen, die er nimmt — und dann zeigt es sich, daß der Jude in Wahrheit der stärkere und stolzere, der große Kaufmann aber der erbärmliche kleine Mensch ist. Bassanio geht den Antonio um ein größeres Darlehen an, das er benötigt, um aus Brautschau zu gehen. Antonio, der nie nein sagen kann, aber im Augenblick keine flüssigen Mittel hat, wendet sich an Shylock den Juden. Das ginge noch an; dann als Shylock seine Verwunderung darüber ausspricht, wie er, Antonio, nach all der Verachtung, die er ihm bezeugt hatte, sich jetzt mit der Bitte um ein Darlehen an ihn wenden kann, antwortet Antonio, das sei Geschäftssache. Leihe Deinem Feinde! Nimm hohe Zinsen! Treibe sie mit aller Strenge bei! Shylock aber sagt darauf — und, wohl gemerkt, zunächst ohne jede Bedingung: „Ich will Euch Liebes tun, Freund mit Euch sein. Die Schmach vergessen, die Ihr mir angetan — Das Nötige schaffen und kernen Heller Zinsen für fmein Geld verlangen! Der Antrag ist doch liebreich?" „Ja das ist er" ruft Antonio aus und will mit tausend Freuden darauf eingehen. Also Shylock, der Jude, handelt nach dem Wort der Feindesliebe und Antonio, der stolze Antonio, verschmäht es nicht, von dem verachteten, von dem mißhandelten Juden einen derartigen Liebesdienst anzunehmen! Er gestattet ihm, sich ihm, dem Feinde gegenüber, derartig großmütig zu zeigen. Welche Erniedrigung! Und das ändert sich, wohlverstanden, vom Standpunkt Antonios aus nicht im geringsten, als nun Shylock die berühmte Klausel wegen des Pfundes Fleisch vorschlägt, denn er, Antonio, hält ja diese Klausel nur für eine Laune, nur für eine Schrulle des Juden, eine Laune vielleicht, die ihren Grund in der Absicht des Juden haben mag, durch