Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 6)
- Language
- German
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— 89 — Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn, — Ms wenn man spräche: ich bin Herr Orakel — Tu' ich den Mund auf, rührt sich keine Maus. — Doch fisch Du nicht mit so trübseligem Köder Nach diesem Narrengründling — diesem Schein!" Kann man deutlicher sein? Graziano verschwindet und verspricht eine Fortsetzung seiner Predigt nach der Mahlzeit. Einen Augenblick herrscht verlegenes Schweigen. „Ist das nun irgend was?" fragt Antonio. „Graziano spricht unendlich viel, mehr als irgend ein Mensch in ganz Venedig" sagt einer der Freunde und damit ist die Sache abgetan. Kein Mensch nimmt den Warner ernst. — Da haben wir also den halben Narren Antonio inmitten seiner speichelleckerischen Freunde, einer verfressenen, sauflustigen, verlotterten, gedankenlosen Gesellschaft. Da ist der skrupelloseste aller Mitgiftjäger Baffanio, da ist der leichtsinnige, lockere Lorenzo, der den Frieden der Bürgerhäuser bedroht, da sind die platten Schwätzer und Schmeichler Solarino und Solanio. Sie bilden die rechte Folie für die Großmannssucht des Antonio, der nichts lieberes kennt, als zu prunken, den Protektor zu spielen und im Mittelpunkt dieser liederlichen Gesellschaft zu stehen, über die er sich natürlich hocherhaben dünkt. Dabei fühlt er sich als eine Säule der Gesellschaft und der Christenheit, fühlt sich erhaben über alle kleinlichen Anfechtungen, als unangreifbar und sicher in seiner gesellschaftlichen und sozialen Position. Er ist die Selbstgerechtigkeit selber. Was tut nun der Dichter um diese Narrheit des Antonio ins rechte Licht zu setzen und all absurdum zu führen? Er gebraucht dieselbe starke Arznei, die Heinrich von Kleist im Prinzen von Homburg den Kurfürsten anwenden läßt um den Prinzen zu kurieren — die Todesfurcht. Antonio muß durch seine eigene Schuld in die größte Gefahr für Leib und Leben kommen; der flache Stolz des Antonio selbst muß ihn in die schwere Situation bringen, ihn demütigen. Und nun führt der Dichter den Gegenspieler ein. Shylock, den Juden. Dem großen, dem königlichen Kaufmann, dem allseitig verehrten, freigebigen und großmütigen