Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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88 — teilnahmsvollen Zuspruch seiner Freunde anscheinend ganz Wohl. Die Schwermut steht ihm gut und erhöht ihn in den Augen seiner Umgebung; er wieder behandeÜ die Herren mit herablassendem Wohlwollen; und Ehrerbietung wie Bewunderung, die ihm entgegengebracht werden, zahlen sich für seine Freunde gut aus: nicht nur sein Rat, auf den allenfalls verzichtet werden könnte, sondern auch sein Beutel steht ihnen jederzeit offen. So befinden fich alle Teile wohl, auch Antonio in seiner sehr gut gepflegten Melancholie. Er bekommt durch sein bedeutsames Schweigen und die tiefsinnigen Falten seines Gesichtes den Ruf eines bedeutenden Denkers; er lebt aber stark über seine geistigen Verhältniffe, ist von Schmeichlern umgeben, die seinen Wahn züchten, und ist auf dem besten Weg ein kompletter Narr zu werden, der ganz vergißt, daß er seine Stellung nur seinen Glücksgütern verdankt, und auf dem Punkt ist, sich einzureden, daß er ein Philosoph sei. Schon jetzt ist er soweit, daß er nur noch Schmeichlern sein Ohr leiht, und den einzigen Menschen aus seiner Umgebung, der ihm ernsthaft als Freund die Wahrheit sagt, nicht mehr ernst nimmt. Dieser eine ehrliche Freund ist Graziano. Wie unglaublich — wie unerhört, daß noch kein Regiffeur, kein Schauspieler es entdeckt hat, daß dieser Graziano gleich bei seinem ersten Auftreten den Schlüssel zu Antonios Wesen und damit zu dem ganzen Stücke gibt. Er kommt aus dem Weg zu Tisch gerade hinzu, als Antonio sich eben wieder von den Schwätzern, die seinen Hofstaat bilden, den Hof machen läßt, und den Geistvollen, Schwermütigen posiert. Einen Augenblick sieht er sich das an. dann schiebt er die Schwätzer beiseite und pflanzt sich vor Antonio auf: „Laßt den Narren mich spielen" — das heißt, laßt mich ungestraft die Wahrheit sagen — und nun kommt jene köstliche Charakteristik: «Antonio! ich will Dir etwas sagen! Es gibt so Leute, deren Angesicht gerinnt Und starrt gleich einem stehendem Sumpf, Und die ein eigensinnig Schweigen halten — Aus Absicht, sich in einen Schein zu kleiden