Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111118-3115209--6701-3115321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 87 — Antonio, der Kaufmann von Venedig, nach dem das Stück heißt, ist der eigentliche Held des Stückes, der Held dieser Charakterkomödie. Er ist ein entfernter Verwandter von Hjalmar Ekdal, und wie alle Helden der Charakterlustspiele Shakespeares, etwa wie die Widerspenstige, leidet er an einer Manie, und der Inhalt des Lustspieles ist eben, diese in' ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen. Ob der Held von dieser Manie geheilt wird, ist letzten Endes gleichgiltig — es ließe sich vielleicht in diesem Falle Nachweisen, daß eine wenigstens vorübergehend erfolgreiche Kur durchgesührt wird — das Wesentliche ist ja aber dem Dichter, dem etwa zu gleicher Krankheit neigenden Zuschauer, und nicht dem Helden eine Lektion zu geben. (Wie prächtig ließe sich da auf den Kesselflicker Schlau exemplificieren, der nach dem Vorspiel der Widerspenstigen einfach im Publikum verschwindet, und an dessen Stelle eben jeder aus dem Gros der Parterrebesucher treten kann.) Aber was denn? Antonio hat eine Manie? Aber hat man je eine solche bei ihm bemerkt? Bitte! Man lese zunächst ganz unbefangen nichts als die 1. Scene des Stückes aufmerksam durch. Da sitzt der reiche Handelsherr mit zwei Freunden zusammen, Salarino und Solanio. Diese beiden Herren sind die Rosenkranz und Güldenstern der Börse, die neben dem Hamlet-Imitator Antonio einherlaufen. Sie können ruhig miteinander verwechselt werden, und sie müssen paarweise auftreten, denn gerade durch ihre mehrfache Existenz wird das Typische gegeben. Die beiden erörtern in breiter Geschwätzigkeit die seltsame Melancholie des Herrn Antonio. Sie stellen allerhand Mutmaßungen über den Grund der Schwermut an; er aber sitzt weltschmerzlich lächelnd dabei, hört mit überlegenem Wohlwollen ihre Hypothesen an, und weist sie sämtlich als unzutreffend zurück. Und in der Tat ist kein wie immer gearteter Grund zu entdecken; dem guten Antonio geht nichts ab. Er hat anscheinend den echten und rechten Spleen, er leidet an einer seelischen Depression, für die kein Grund angegeben werden kann. Nun, das ist immerhin ein vornehmes Leiden, ist totchic, und Antonio fühlt sich in seiner Melancholie und bei dem