Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Antonio, der Kaufmann von Venedig
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 86 — ist eine verschwindend kleine, der' die an Gewißheit grenzende Wahrscheinlichkeit gegenüber steht, daß Antonio den Fälligkeitstermin innehält und er so seinem verhaßten Partner unter eigenem Verluste einen gewaltigen Liebesdienst erwiesen hat. — Shylock rechnet also mit einen: Wunder? In der Tat: er rechnet mit dem Wunder! Das ist der Punkt! Er trotzt dem Himmel ein Wunder ab. Wie Grillparzers Küchenjunge. Darüber wird noch zu reden und diese Behauptung wird zu belegen sein. Vergegenwärtigen wir uns aber, daß gerade in diesem Stücke uns eine solche Einstellung nicht in Erstaunen setzen darf. Das Stück spielt in einer Märchenwelt, und das hat man fich vor allem klar zu machen. Da ist Portia, die reiche Erbin, — ihr Vater hat ihr die drei Kästchen hinterlassen und zum Gemahl ist ihr der Freier bestimmt, der das rechte Kästchen wählt. Das erscheint eine seltsame Lotterie, aber es ist ein echtes und rechtes Märchenmotiv. Eine solche Bestimmung hat nur in der Märchenwelt Sinn und Verstand, in der eine mystische Fügung dem Edlen und Braven zur rechten Zeit den Lohn sichert. Portia kann des guten Ausganges sicher sein, und Nerissa, Portias lustige Freundin, spricht es deutlich genug aus: „Euer Vater war allzeit gut und fromm, und frommen Menschen wird die Hoffnung auf die Entscheidung des Himmels stets erfüllt." Die „Entscheidung des Himmels" — man halte das fest. Genau so wie Portia, stellt Shylock die Entscheidung dem Himmel anheim, — so sicher ist er seiner Sache, der Gerechtigkeit seiner Sache, daß er, obwohl nach menschlichem Kalkül alle Chancen gegen ihn sind, er doch der zu seinen Gunsten ausfallenden Entscheidung des Himmels sicher ist. Und wenn dann, das sei vorgreifend bemerkt, der Dichter endlich die Entscheidung in dem Kampfe zwischen dem Juden und seinem Widersacher zu Gunsten des Juden ausfallen läßt, dann freilich ist es nicht zweifelhaft, auf welcher Seite der Dichter das Recht steht. Aber ist das nicht eine vage Hypothese? Wer ist der Widersacher — wer ist Antonio?