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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1925-01-01 · 26 (1925) · p. Seite 85

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
26 (1925)
Article
Antonio, der Kaufmann von Venedig
Date
1925-01-01
Page
Seite 85 (sequence 2)
Language
German
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— 85 — Man sehe sich nur die Shylock-Literatur an — vor allem natürlich die köstlichen Streitschriften Jhering-Kohler, man lese Heinrich Heine und die Ueberficht, die Joseph Köhler in seinem eigenartigen Buche „Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz" gibt und gehe weiter bis zu Israel Zangwill — alles Shylock — nichts von Antonio. Hat überhaupt irgend ein Schauspieler von Rang sich jemals ernstlich des Antonio angenommen? Hat ein Regisseur es unternommen, dem Beschauer die Gestalten der venezianischen Gesellschaft klar unterscheidbar und individuell charakterisiert yor Augen zu stellen? — Frage sich doch jeder, der den Kaufmann einmal oder mehreremal gesehen hat, ob er imstande ist, auf der Stelle zu sagen, wie etwa Graziano sich von Salarino oder wie diese beiden sich von Baffanio unterscheiden! Immer drängt sich die mächtige Gestalt des Shylock in den Vordergrund und alle anderen werden wesenlose Schemen. Shylock selbst aber wird eine Spukgestalt, selbst wenn sich die herrliche Gestaltungskraft eines Rudolph Schildkraul seiner anNimmt, eine Gestalt ohne Fleisch und Blut, eine rätselhafte Figur, deren Handlungsweise vernunftgemäß nicht erklärt werden kann. Wie denn? Dieser schlaue, berechnende Wucherer, dieser überlegte Geschäftsmann, schließt ein derartig blödsinniges, für ihn mit beinahe absoluter Gewißheit verlustbringendes Geschäft mit Antonio ab? Wie ist das möglich? Zugegeben, daß er allen Grund hätte, auf seinen Vertragsgegner wütend zu sein, — zugegeben, daß seine Erbitterung gegen ihn so groß wäre, daß ihm jedes Vermögensopfer gering erschien, könnte er dafür den verhaßten Kaufmann an der Hüfte packen — welche Aussichten hat er auf Grund dieses Vertrages jemals zu dem erwünschten Ziele zu kommen? Alle Chancen find auf Seiten Antonios — nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder muß geschehen, damit dieser in die Hand seines Gläubigers fällt. Alle die Schiffe des königlichen Kaufmanns, die auf den verschiedensten Meeren fahren, muffen scheitern, alle seine mannigfaltigen HÜfsquellen müffen mit einem Schlag versiegen. Die Chance Shylocks zum Ziele zu gelangen.

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