Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Durch die Taufe zum Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 12)
- Language
- German
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— 80 In einem Ludwig Marcus gewidmeten Gedenkwort feiert Heine die abgründige Gelehrsamkeit, den reichen Geist von Gans überschwänglich, den Glaubenswechsel von Gans aber nennt er eine „unverzeihliche Felonie", „umso widerwärtiger, als Gans vorher im „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums" bestimmte Präsidialpflichten übernommen hatte." An seinen frommen Regungen während der letzten Leidensjahre hat aber nicht etwa Heines Todesscheu oder eine Jenseitsangst irgendwelchen Anteil. Heine schreibt im Juni 1850 an seinen Verleger Campe: „Ich bin kein Frömmler geworden, aber ich will darum doch nicht mit dem lieben Gott spielen. Wie gegen die Menschen, will ich auch gegen den lieben Gott ehrlich verfahren, und alles was aus der früheren, blasphematorischen Periode noch vorhanden war, die schönsten Giftblumen, habe ich mit entschlossener Hand ausgerifsen und bei meiner physischen Blindheit vielleicht zugleich manches unschuldige Nachbargewächs in den Kamin geworfen . . . Neben mir hörte ich die ironische Stimme eines Mephistopheles, die mir zuflüsterte: „ Der liebe Gott wird dir alles weit besser honorieren als Campe . . ." Und weiter: „Glauben Sie nicht den umlaufenden Gerüchten, als sei ich ein frommes Lämmlein geworden. Die religiöse Umwälzung, die in mir sich ereignete, ist eine bloß g e i st i g e. Ein Akt meines Denkens mehr als des seligen Empfindens, und das Krankenbett hat wenig Anteil daran, wie ich mir fest bewußt bin . . ." An den Bruder Maximilian schrieb Heine im Dezember 1848: „In meinen schlaflosen Marternächten verfasse ich sehr schöne Gebete, die ich aber doch nicht niederschreiben lasse, und die alle an einen sehr bestimmten Gott, den Gott unserer Väter, gerichtet sind." Mit solchen Bekenntnissen steht Heine aber keineswegs allein in der Reihe der Getauften. Auch bei Börne, der in seinen Aeußerungen so zurückhaltend war wie Heine explosiv, so bedächtig und abwägend wie Heine sprudelnd, sind ähnliche Stimmungen wahrzunehmen. Dr. Paulus Cassel, der gefeierte Prediger