Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Durch die Taufe zum Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111118-3115208--6687-3115308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 74 — gleichen Szenen, die gleichen Verwirrungen ab. Auf Schritt und Tritt wirddem Getauften der Glaubens- Wechsel präsentiert, wobei es auch gelegentlich zunr Protest kommt. Gronemann hat eine Namens- Tragikomödie dieser Art in seinem Roman „Tohu wabohu" eben so wahr wie ergötzlich geschildert. * * * Ein klassisches Beispiel von solch einem durch die Taufe bewirkten tieferen Hineingeraten ins Judentum ist H e i n r i ch Heine. Der frivole Spötter, für den er sich gerne ausgab und für den er vielfach gilt, ist Heinrich Heine im Grunde nie gewesen. Wenn er sich gelegentlich mit einem derben Scherz aus einer rührseligen Stimmung losreißt, befreit, dann ist der Spott eben nur die Maske, hinter der sich ein tieferes Empfinden schamhaft verbirgt. Gar so viel Spuren einer tieferen religiösen Veranlagung weist seine Jugend nicht auf. Im Freundeskreise werden die Glaubensprobleme nicht oft erörtert. Der Verkehr im Hause Zunz in Berlin und die allerdings ganz eifrige Beteiligung an der Gründung des „Vereins für Kultur und Wissenschaft des Judentums" bilden nur eine kurze, bemerkenswerte Episode. Man ist im Ganzen heiter, lebenslustig, man trotzt jeder Stunde alles ab, was ste an Genuß und Gewinn irgend herzugeben vermag, und läßt Gott einen guten, jedenfalls einen vergessenen Mann sein. Wie anders nach der Taufe! Immer und immer wieder kehren Heines Stimmungen und Gedanken zum verlassenen Judentum zurück. Aus dem Scherz, hinter dem sich der tiefere Ernst vergeblich versteckt, bricht zuweilen jäh ein heller Schmerzenslaut hervor. Zu einer wahren Trauerfinfonie vereinigen sich aber diese Klagelaute in einem stattlichen Bande, in dem Dr. Hugo Bieber alle Aeußerungen Heines über den Glaubenswechsel aus seinen Dichtungen und Briefen zusammengetragen hat. Aus den verschiedensten Perioden seines Lebens stammend und vierzig Jahre,