Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Durch die Taufe zum Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 73 — Gutzkow seinen Acosta sagen läßt: „Ties in unserem Volke wurzelt die Familie." Diese Verwurzelung mit der Familie erklärt es denn auch, daß Austritte aus dem Judentum, troß aller Lockungen oder Hetzen verhältnismäßig selten sind. Derselbe Voltaire stellte das mit einiger Verwunderung fest, indem er (Oevres Bd. 19 S. 524) schreibt: „Le judaisme est de toutes les religions du monde celle, qui est la plus rarement abjuree.“ In einer reizvollen novellistischen Skizze „Jahrzeit" schildert Leopold Kompert ergreifend den Seelenzustand eines Getauften, der zur „Jahrzeit" eines Angehörigen in der Heimatsgemeinde und im Tempel erscheint — zerknirscht, gebrochen. In der Redaktion eines angesehenen Berliner Blattes saß einst ein älterer, still und ernst seiner Arbeit hingegebner Redakteur. Eines Tages sah er besonders blaß und Müde aus — es war an einem Versöhnungstaae. „Was fehlt Ihnen denn heute, lieber Harry?" fragte ihn teilnehmend der Chefredakteur. „Ich kann das Fasten so schlecht vertragen," seufzte Harry und fuhr nach einer Weile fort: „Eigentlich habe ich es ja gar nicht nötig. Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren getauft. Aber ich kann's nun einmal nicht lassen." Wie so oft begegnen uns derlei Getaufte, die an ihren Jugenderinnerungen mit tieferer Inbrunst hängen, die der jüdischen Bräuche mit stärkerer Gemütsbewegung gedenken, als wenn sie noch im ererbten Glauben verharrten, teilnahmslos wie vordem. Aber auch von außen her werden sie an den Glaubenswechsel immer wieder erinnert. Ist er nun gar, wie so oft, mit einem Namenswechsel verbunden, dann wird dem armen Täufling das Taumeln zwischen dem alten Namen, den noch alle Welt gebraucht, und dem neuem, an den man sich selbst, an den die Umgebung sich nicht gewöhnen kann, zu einer wahren Hölle. Vollends wenn es noch gilt, die Anerkennung des neuen Namens zu erwirken, die formelle Eintragung zu besorgen, die Verständigung mit den irgendwie interessierten Behörden herbeizuführen. Und täglich, stündlich, bei jeder Begegnung spielen sich die