Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Durch die Taufe zum Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 72 — Wesen der Taufe beleuchtet. Betont sei aber ausdrücklich, daß die altvornehme und treujüdische Familie B e n a r i o diesen ihren Namen von je geführt hat. Vor einiger Zeit setzte mir ein Mann von Charakter und vornehmer Gesinnung in einem zehn Seiten langen Briefe die Gründe auseinander, durch die er sich im Gemüt bewogen fühlte, sich taufen zu lassen. Ich antwortete ihm, daß ich natürlich seine Gründe gelten lasien muß, ohne sie zu billigen; ich sagte ihm aber aus Grund alter Erfahrungen voraus, daß er nach der Taufe viel öfter an sein Judentum erinnert werden, daß er innerlich und äußerlich viel mehr mit seinem Judentum sich zu befaffen haben würde, als je vorher. Der Jndifferentismus, in weiten Schichten der Gebildeten leider so sehr verbreitet, gibt sich kaum jemals ernstlich mit religiösen Problemen ab. Man nimmt wohl, nach gutem Herkommen, die hohen Feiertage wahr, sonst aber vergißt man gewöhnlich sein Judentum völlig. Der meist äußere Anlaß zur Taufe führt indes dazu, sich die Gemeinschaft, ihre Seele, ihr Wesen genauer zu betrachten, aus der man scheiden will. Nach der Uebersiedlung in eine andere Glaubensvereinigung pflegt man nun der verlassenen, derjenigen, der man den Rücken gekehrt hat, um so häufiger gedenken, je reineren Gemüts, je ehrlicheren Charakters man ist. Irgendeinen kleinen Seelenriß. irgendeine mehr oder minder bemerkbare Gemütsverletzung ruft solch eine gewaltsame Uebersiedlung aus einer Konfession in die andere eben hervor, und da geht es uns wie bei der Verletzung an einer Hand. Immer und überall stößt man sich schmerzhaft just am verwundeten Finger. In seiner Glaubenstragödie, in „Zaire“, weist Voltaire auf eine der Quellen dieser tiefen Anhänglichkeit an den ererbten Glauben hin, auf das Elternhaus, auf die Kindheitserinnerungen. Er läßt seine Heldin sagen: Je le vois trop: les soins, qa’on prend de notre enfanee Forment nos sentiments, nos moeurs, notre croyance. Und das gilt doppelt, gilt dreifach vom altjüdischen Hause, dessen ganze Atmosphäre bestimmt ist von der Religiosität, die seine Seele ist. Wie wahr ist, was