Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Breslauer Erinnerungen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 14)
- Language
- German
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— 66 Wenig oder garnichts wußten. Der große Aristoteliker geriet darüber des öfteren in eine Helle Verzweiflung. Und Graetz mußte mehr als einmal den Zorn seines übelgelaunten Kollegen besänftigen, und ihn mit dem Trost beruhigen: Diese jungen Leute würden schon mit dem Lateinischen und Griechischen fertig werden. Er, Bernays, möge nur über die sprachlichen Barbarismen nicht gleich außer Fassung geraten. Und Graetz hat meistenteils mit seinen Voraussagungen Recht behalten. Wie unter den damaligen Lehrern am Seminar eine Gelehrtengarnitur sich zusammenfand, wie später niemals wieder, so zeigte sich auch unter den Zöglingen eine ungewöhnlich große Zahl guter Köpfe, die zu ftohen Hoffnungen Veranlassung gaben. Und auch nach dieser Richtung hin sind jene damals gehegten Hoffnungen nicht enttäuscht worden. Aus der großen Zahl jener Seminaristen mögen hier einzelne besonders markante Gestalten herausgegriffen sein. Von den aus dem Osten Herübergewanderten fiel zunächst der Ungar Benjamin S z o l d in die Augen. Er verriet auf den ersten Blick den Typ des echten Magyaren. Seine dunkelgelbbraune Gesichtsfarbe, die sprühenden schwarzen Augen, das tief stumpfschwarze, dichteHaupthaar, ein leichter, gleichfarbiger Bart, der ungewöhnlich lebhafte Gesichtsausdruck — alles das mußte auffallen. Er war aber auch ein geistig hoch veranlagter Mensch und seine ungemein große Kenntnis des gesamten hebräischen Schrifttums verschaffte ihm unter seinen Kollegen wie unter seinen Lehrern sofort eine sehr geachtete Stellung. Szold ist später an eine der größten jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten berufen worden und hat dort seelsorgerisch und literarisch eine weithinreichende Wirkung entfaltet. Eine enge Freundschaft verband ihn von Anfang an mit dem gleichfalls aus Ungarn stammenden Joseph P e r l e s. Dieser bildete das ergänzende Gegenstück zu dem Erstgenannten. Sprühte Szold Feuer und Funken, so erschien Perles besonnen, zurückhaltend, mehr in sich gekehrt. Beide indeffen waren in gleichem Maße tüchtig ausgerüstete Hebraisten und Talmudisten (Perles starb 1894 als Rabbiner in München).