Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Breslauer Erinnerungen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 13)
- Language
- German
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— 65 — nennen. Dieser allzeit hilfsbereite Gelehrte aber war kein anderer als eben Salomon Nissen. Friedsam sanft, wie sein Leben, war auch sein Ende. Die Nachricht von dem Tode des Weisen verbreitete sich naturgemäß sehr rasch. Einer der Ersten, der in das Trauerhaus eilte, war Graetz. Als er bei der tiefgebeugten Witwe sich nach dem literarischen Nachlaß ihres Gatten erkundigte, sagte sie, mit von Tränen unterdrückter Stimme: „Alles von der Hand meines Mannes Niedergeschriebene, habe ich, auf ausdrückliches Geheiß meines Mannes, wenige Tage vor seinem Tode verbrennen müssen." Graetz war, wie er selbst versicherte, bei dieser Mitteilung wie zerschmettert. Salomon Nissen war nämlich, wie aus manchen Gesprächen hervorzugehen schien, während seiner letzten Lebensepoche religiös-mystischen Anwandlungen nicht unzugänglich geworden, er mochte manchmal von Zweifeln an der Berechtigung seiner kritischen Methode ergriffen worden sein. Und so wollte er denn diese Denkmale seines kritischen Scharfsinns für immer vernichtet wissen, um nicht an der Verbreitung seiner Ansichten irgend welchen Anteil zu haben. Nach dieser kurzen, aber vielleicht nicht unwesentlichen Abschweifung, nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder auf. Die glänzenden Namen der an das sogenannte Fränckelsche Seminar in Breslau berufenen Gelehrten, nämlich außer dem bereits genannten Zacharias Frankel, Jacob Bernays, einer der scharfsinnigsten und gelehrtesten Philologen nicht bloß seiner Zeit, Heinrich Graetz, der Mathematiker Zuckermann, hatten eine große Anzahl von Zöglingen, namentlich aus dem Osten und Südosten Europas, nach Breslau hingelockt. Diese, meistens einseitig talmudisch-pilpulistisch ausgebildet, sollten erst mit den erforderlichen Gymnafial-Kenntnifsen ausgerüstet werden, um gleichzeitig neben den Lehrkursen am Seminar auch die Universitätsvorlesungen besuchen zu können. Da gab es denn zuweilen die ergötzlichsten Szenen, sobald Jacob Bernays einem jener aus Osteuropa herübergewanderten Talmudjüngern auf den Zahn fühlte, und es sich meistentells ergab, daß sie vom klassischen Altertum