Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 26 (1925)
- Article
- Breslauer Erinnerungen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 62 — gebeizter Pilpulist zuckte verächtlich mit den Achseln bei der bloßen Namenserwähnung Tiktins. Es gingen sogar Gerüchte um, daß er zuweilen sehr scharfsinnig zusammengebraute „Schales" (Fragen), die eine sofortige Beantwortung erheischen, an ihn habe richten lassen, um ihn auf die Probe zu stellen. Mit der deutschen Sprache stand er auf einem mehr als gespannten Fuße. Gleichwohl kam ihn zuweilen die Lust an, schon um seine Vorurteilslosigkeit gewissen Ansprüchen des Zeitgeistes gegenüber zu erweisen, eine deutsche Predigt zu halten oder sich zu einer Ansprache an ein Brautpaar aus ansehnlichem Hause aufzuschwingen. Dabei sind ihm dann gar häufig die ergötzlichsten Entgleisungen mituntergelaufen, die sehr bald zu erheiternden Stadtgesprächen wurden. Er gab daher diesen aussichtslosen Wettstreit mit dem ihm fremden Idiom auf- Ein sehr großer Teil der alteingesessenen tonangebenden Familien hielt sich indessen trotzdem zur Tiktin'schen „Tempel"-Schul, teils aus Pietät gegen die Vorfahren, teils weil gerade diesen höchst ehrenwerten Gemeindemitgliedern die von Geiger durchgeführten Neuordnungen zu radikal erschienen. Zu diesen Familien gehörten Jonas Lippmann aus Königsberg, Schreiber, Freund, dessen -jüngster Sohn Wilhelm späterhin zum Abgeordneten und zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung gewählt werden und als Ehrenbürger der Stadt Breslau sterben sollte. Auch M. B. Friedenthal, RebMordecheDow, wie er zumeist genannt wurde, das Urbild zu dem Bankier Ehrenthal in Gustav Freitags „Soll und Haben" hielt sich, wenigstens äußerlich zu den Tiktinianern. Zu jener Zeit, von der hier die Rede ist, hatte sich M. B. Friedenthal bereits längst von seinen Geschäften zurückgezogen, um sich ausschließlich seinen hebräisch literarischen Neigungen zu widmen. Er hat auch verschiedene Werke und Abhandlungen in hebräischer Sprache abgefaßt. Daher war es nur ganz selbstverständlich, wenn jeder arme jüdische Wanderliterat auf seiner Subskribenten-Suche in Breslau zuerst den reichen Reb Mordeche Dow mit seinem Anliegen beehrte. Dieser