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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1925-01-01 · 26 (1925) · p. Seite 60

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
26 (1925)
Article
Breslauer Erinnerungen
Date
1925-01-01
Page
Seite 60 (sequence 8)
Language
German
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— 60 — angegriffenen Gelehrten und Freund zu erfüllen. Der Gottesdienst in der „Storch"-Synagoge erregte damals noch vielfach sehr großes Aufsehen und nicht bloß in jüdischen Kreisen. War doch die Sache noch verhältnismäßig neu. Aeußerlich war der noch bis vor kurzem so erbittert geführte Kampf ja wohl als endgültig abgeschloffen anzusehen, aber die innerliche Erregung der Gemüter zitterte noch immer nach; es war wie ein unter der Asche glimmendes Feuer. Kein einbeimischer Orthodoxer hat jemals die Schwelle des Geiger'schen Gotteshauses betreten. Wohl aber wurde diese Synagoge an Sabbaten und Feiertagen sehr viel von den in Breslau weilenden auswärtigen jüdischen Kaufleuten aufgesucht. Sie war eben noch ein Gegenstand der Neugierde, die eben befriedigt sein wollte. Wie aber auch immer die religiöse Stimmung beschaffen sein mochte, sobald der Cantor Deutsch seine herrliche, etwas baritonal gefärbte Stimme erklingen ließ, da lauschte Jeder den wundersam ergreifenden Tönen, die der Kehle des, man darf wohl sagen, auffallend zierlichen Mannes entströmte. Geigers Predigt und Deutsch's Gebetsvortrag, das waren die beiden mächtig wirkenden Anziehungskräfte, die nicht wenig zur Verbreitung des Rufes der „Storch"-Synagoge Breslaus in der ganzen deutschen Judenheit beitrugen. Räumlich nicht weit von ihr entfernt, nämlich in der Antonienstraße, aber im Wesen weltenweit von ihr geschieden, befand sich — und befindet fich noch jetzt, die sogenannte „Tempel"-Schul der alten, eigentlichen jüdischen Gemeinde Breslaus. Hier waltete Gedaljah Tiktin in alter Weise seines Amtes als Rabbiner. Er war der Dritte und Letzte in der Breslauer Rabbiner Dynastie Tiktin. Sein Großvater Abraham war von Glogau her nach der schlesischen Hauptstadt berufen worden; nach deffen Ableben folgte ihm sein Sohn S a l o m o n und diesem Gedaljah. War der Vater ein rücksichtsloser, heißblütiger Fanatiker, so erwies sich der Sohn als ein geschmeidiger, sich den Umständen anpaffender Diplomat, der indessen nie sein Ziel aus den Augen verlor. Während der berüchtigten Aera Manteuffel-Westfalen der fünfziger Jahre blühte

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