Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1925-01-01 · 26 (1925) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
26 (1925)
Article
Breslauer Erinnerungen
Date
1925-01-01
Page
Seite 57 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3111067-3111118-3115207--6669-3115291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 57 — machte sich bereits geltend. Von alledem war in dieser meiner Breslauer Umgebung auch nicht die mindeste Spur zu bemerken. Die beiden ältesten Brüder konnten nur mühselig ihre Namen in deutscher Schrift hinkritzeln. Ein dritter Bruder Tobias, von den Seinen aber beharrliche „Tobijus" genannt, hatte indessen bereits einen leisen Versuch gemacht, aus diesem Verpuppungszustand ein wenig herauszutreten. Er war im Gegensatz zu seinem älteren Brüdern ein „Baal-Tenach", das heißt, er trieb auch neben dem Talmud Bibelstudien. Er nahm die Mendelssohn'sche Uebersetzung zur Hand, das bedeutete aber in seinen Augen keinen geringen Fortschritt. Es hieß bei ihm nicht mehr wie bei seinen Brüdern: „Der Tatsch (Deutsch) ist ausgerissen". So pflegten sie nämlich die in jüdischer Kursivschrift unter dem hebräischen Texte gedruckte deutsche Uebersetzung spöttelnd zu bezeichnen! Außerdem hatte aber dieser Tobias Falk schon einige Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht. Er kannte den „Nathan", den „Don Carlos", Mendelssohn's „Phädon" und Schillers „Sendung Mosis". Der Herzens» gute Mann war nicht wenig stolz auf diese seine Bildung, die zugleich für seine Vorurteilungslosigkeit in „weltlichen" Angelegenheiten Zeugnis ablegen sollte. In seiner Orthodoxie stand er jedoch keinem seiner älteren Brüder nach und in der „Sklower Schul" war er jeden Morgen und jeden Abend mit der größten Gewissenhaftigkeit zur Stelle. Diese „Sklower Schul" in der „Goldene Radegaffe" war in jedem Betrachte eine Merkwürdigkeit des damaligen Breslau. Sie lag wie alle Synagogen und Betstuben aus dem Hofe. Eine schmale, sehr steile Treppe führte in das bescheidene, nach ältestem Brauche hergerichtete Gotteshaus- In der Mitte stand der Almemor, von dem aus die Wochenabschnitte aus der Thora verlesen wurden. Diese „Schul" trug ihren Namen nach ihrem Begründer, einem aus dem russischen Städtchen Sklow eingewanderten Gelehrten, dessen Sohn Reb Jankel Sklower zu meiner Zeit noch lebte und seinen Ehrensitz an der Misrach- (Ost) Wand, unmittelbar neben dem Aron ha kodesch (der Helligen Lade) innehatte. Den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.